Texte

 

Gustav von Campe / Vortrag 13. August 2016        

 Vom Flügelschlag  (Vom Wink)

Reinhard Knodt  zum Dank

                                                    

  1. Hölderlin schrieb einmal an Casimir Ulrich Boehlendorf: „Mein Lieber! Du hast an Präzision und tüchtiger Gelenksamkeit so sehr gewonnen und nichts an Wärme verloren, im Gegenteil, wie eine gute Klinge hat sich die Elastizität Deines Geistes in der beugenden Schule nur umso kräftiger erwiesen.“ (4.12.1801)

Jede Bewegung, jeder Tanz vollzieht sich durch Gelenke – in der Sphäre der Gelenksamkeit also. In dieser Sphäre wird über Elastizität und auch über Eleganz entschieden. Sagen wir: hier stehen sie auf dem Spiel.

Die Spitze der Eleganz erreicht die Gelenksamkeit im Flügelschlag. Vor wieviel Weltaltern haben Menschen schon dem Flügelschlag, sagen wir eines Adlers, zugesehen, wenn sie zum Himmel aufblickten. Gewiss gehört er zu den bedeutsamen Himmelserscheinungen der Menschheitsgeschichte. Diese frühen Mensch folgen dem Flügelschlag mit den Augen und vollziehen ihn mit dem inneren Auge oder, wie man sagt, ideomotorisch nach. Sie vollziehen ihn auch motorisch: am eigenen Leibe nach. Sie ahmen ihn nach im Tanz und bringen ihn irgendwann auf eine Bühne.

 

Die Spitzentänzerinnen des klassischen Balletts ahmen die Spitze der denkbarsten Eleganz: den Flügelschlag nach. Sie suggerieren das Schweben in der Luft des sich im Flügelschlag aufschwingenden Schwans mitsamt der im Schweben mitschwingenden Absturzgefahr. Das steht auf dem Spiel.

 

Die Spitze der Eleganz des Schlags der Flügel bildet den Idealfall jeder Bewegung – jeder noch so banal erscheinenden Alltagsbewegung. (Dies setzt voraus, dass die Spitzen der Flügel selbst ungestutzt bleiben.) Über den idealen (idealtypischen) Flügelschlag reden, heißt über das ganze, breite Universum des Daseins reden, sofern dies sich bewegt vollzieht. (Dazu unten mehr.)

 

Der Flügelschlag und alle in Gelenken spielende, auf dem Spiel stehende Bewegtheit unterscheidet sich von der Bewegung im Sinn von Fortbewegung von A nach B im leeren und homogenen Raum, wie ihn Descartes auf den Begriff brachte. Demgegenüber spricht die deutsche Romantik von der Innigkeit der Bewegtheit im Unterschied zur äußeren Bewegung. Gemeint ist hier allerdings nicht die Seelen-Innerlichkeit, wie das Vorurteil sofort es glauben möchte.

Den Flügelschlag zu bedenken, heißt weder psychologisch noch bloß zoologisch zu denken. Solches Denken gehört eigentlich mitten in die deutsche Geistesgeschichte. Das Interesse der Philosophischen Anthropologie1 an der Senso-Motorik war ein Zeichen dafür.

2.Versuchen wir jetzt, das bisher Gesagte zu vergessen. Träumen wir uns in jene graue Vorzeit (oder auch frühe Kindheit), da die ersten Menschen dem Vogelflug folgten und den Flügelschlag zum ersten Mal als Mirakel erfuhren: wie etwa ein Adler seine Flügel senkt und hebt, wie er sich so auf- und abschwingt.2

Mit welcher Faszination, mit welchem Erstaunen und Erschrecken und innerem Erzittern folgten diese Menschen dem Schwingen, das selbst ein Zittern sein konnte?! Was sagte ihnen dies Phänomen? Und wie sagte es sich ihnen zu? Sie folgten mit den Blicken und vollzogen es körperlich: in den Organen nach. Vollzug und Nachvollzug schwingen so ineinander wie der Vollzug des Flügelschlags selbst, – lange bevor sie in Wahrnehmung und Reflexion auseinander treten.3

 

3. Ich nehme deine Gedichte im Handgelenk wahr!, schrieb Franz Wurm seinem Freund Paul Celan. Ein Gedicht hat offenbar noch etwas von der magischen Macht, wie sie der Vogelflug auf die frühe Menschheit ausübte. Eine poetische Wendung kann sich, auch wenn das lesende Auge sie aufnimmt, quasi unmittelbar den Organen, in diesem Falle: der Wendung des Gelenks, mitteilen. Welche Rolle spielt hier das Gelenk – im Verhältnis zu inneren Organen wie Herz oder Lunge? Herzschlag und Atemrhythmus können mitvollziehen, was sich dem Auge und Ohr zuträgt. Aber einem Handgelenk wie dem des Franz Wurm?

Das seelischte der Gelenke ist aber das Knie, hatte Hölderlin irgendwo einmal gesagt. Gehört das Gelenk etwa mit zu den Seelenorganen? Und wenn die Prüfung / Ist durch die Knie gegangen / Mag einer spüren das Waldgeschrei, heißt es in Hölderlins Ister-Hymne.

Von der beugenden Schule der Elastizität war schon in Hölderlins Brief an Boehlendorf die Rede. Und laßt mich gleichfalls sitzen bei den blaugemaserten Steinen – in der Freundschaft meiner Knie, so heißt es in einem Gedicht Saint-John Perse’s. Und von Joseph Beuys ist überliefert: Ich denke mit meinem linken Knie.

Was wir den internistischen Organen Herz und Lunge zutrauen, müssen wir offenbar auch den externistischen Gelenken zutrauen. Den Orthopäden sagen wir damit wohl nichts Neues. Paul Celan hätte sich gern von Moshé Feldenkrais und seiner Körpertherapie behandeln lassen. Franz Wurm wollte den Kontakt vermitteln. Immerhin hat Celan Feldenkrais als Autor beim Suhrkamp-Verlag durchgesetzt.

Der Bedeutung der Hand in Celans Dichtung nachzuspüren wäre wohl sehr lohnend.4 Dasselbe in der Dichtung Rilkes. Schließlich auch in der Prosa Peter Handkes.

 

Diese Hinweise drängen sich auf – und doch bleiben sie nur Hinweise. Es scheint, als sei die Mitte des Gelenks: worum es sich dreht, leer. Die Senso-Motorik kann einiges zur Klärung beitragen5, aber der Bindestrich zwischen den Worten zeigt an, dass ein Resträtsel bleibt. Wird es deshalb von der Dichtung bevorzugt? Mich reizt dieses Rätsel. Wie dreht sich der Flügel im Gelenk, – der Angel des Engels? Bleibt uns dies so unausdenklich wie den ersten Menschen? Blieben sie vom Vollzugscharakter des Flügelschlags deshalb so fasziniert, weil sie ihn zwar mitvollziehen (beim Tanz, beim Schwimmen u.s.w.) konnten, er ihnen aber ein cognitives Rätsel blieb? Aber gerade deshalb trieb das Rätsel sie in die tanzende Ekstase? Womöglich. Auch mich fasziniert die Mutmaßung mehr als irgendeine Beweisführung.

 

4. Es bedarf wohl auch keiner weiteren philosophischen Aufklärung mehr, so scheint es. Das Tao der behutsamen Alltagshandlung: dass wir eine Teetasse geräuschlos auf die Tischplatte gleiten lassen, darum scheint es sich zu drehen. Dem Tao scheint Kafka intuitiv nahe gewesen zu sein. Das Hämmern – ganz handwerksmäßig! – so aus den Gelenken gleiten zu lassen,6 dass es dem Bewusstsein ganz irrsinnig vorkommen muss, war Kafka gut genug, einen ganzen Lebensplan – und nicht etwa metaphorisch! – daran zu entwerfen.7

 

5. Auch wenn wir das Rätsel des Flügelschlags nicht lösen, so sollten wir doch versuchen, es – auf Kosten des Staunens – zu beraten. Wieso sprechen wir von einem Flügelschlag, wo er doch deutlich in zwei gegenläufige Schwünge: Auf- und Abschwung zu zerfallen scheint? Und wieso sollte der Flügelschlag schon in seinem puren: technischen Wie die Botschaft sein, – ohne dass er es nötig hätte, bloß formaler Träger eines Transports von Botschafts“inhalt“ zu sein? Frühe Menschen – und Kinder – kennen die Trennung von Form und Inhalt gar nicht, – sie denken gar nicht daran. Und der Engel, für den die Flügel bloß zum Mittel für den Transport einer schon mitgebrachten Botschaft geworden waren, dürfte erst spät zu den Menschen geredet haben. Der Flügelschlag und das Wie seines Vollzugs wären dann schon längst unbeachtlich geworden. Dann suchte man die Botschaft in einem vom Wie des Vollzugs abgetrennten „Inhalt“. (Beginn der Semantik) Hier soll aber das Wie wieder beachtlich werden.

Wieso also reden wir von dem einen Schlag, wo doch jedes Kind Auf- und Abschwung klar unterscheiden kann? Und wieso reden wir auch von dem einen Wink, wo er doch meist zuwinkt und / oder abwinkt. Sonntagskinder verstehen die Sprache der Vögel, sagt Walter Benjamin – und somit auch das Winken eines Flügelschlags?

6.Nehmen wir also an, die frühen Menschen hätten den Flügelschlag als Wink aufgefasst, so hätten wir den Anfang einer Geschichte des Winks verortet. Lateinisch bedeutet Wink: Numen. Das Numinose wird gewöhnlich mit nebulös, unbestimmt übersetzt. Dementsprechend ist der Wink bisher als unbestimmtes, wenn auch rätselhaft reizendes Zeichen und linearer Hinweis aufgefasst worden. Aber das Winken des Winks: das nicht-lineare Hin „und“ Her / Her „und“ Hin ist bisher kaum bedacht worden. In dieser Weise winkt der Flügelschlag. Ein solcher Wink ist nicht mehr unbestimmt im Sinne von nebulös undeutlich, sondern fast schon hyperkonkret. Man kann sein Hin-/ Herweisen, Her-/ Hinweisen im Auf-/ Ab, Ab-/ Auf des Flügelschlags deutlich vernehmen. (Der griechische Nous nennt ursprünglich ein Vernehmen. Daraus wurde die Vernunft. Sie bleibt mit dem Vernehmen im Wortsinn verbunden. Dennoch spaltete sie etwas von sich ab, was sie dann Sinnlichkeit nannte, die aber ihrerseits dem Sinn, d.h. Logos entstammt.)8

Trotz der deutlich vernehmbaren Vollzugsgestalt des i. g. S. aufgefassten Winks bleibt seine Botschaft, wenn wir denn zu Recht vermuten, der Wink sei als Botschaft vernommen worden, numinos, – allerdings nicht im Sinne von nebulös-undeutlich, sondern in einem Sinn von uneindeutig. Die hyperkonkrete Vollzugsfigur des zwiefältigen Her-/ Hin, Hin-/ Her scheint zweideutig. Sie scheint zu sagen Kommund“ geh! Das müsste verrückt machen, fasste man Kommen und Gehen als duale Sequenzen im cartesianischen Raum auf. Aber wie der Flügelschlag vollzieht sich der Wink auf einen Schlag: er ist eine, wenn auch in sich zwiefältige Figur.

Der Wink ist bewegt, aber in sich. Er gehört der Bewegtheit an, nicht aber der Bewegung von A nach B im cartesianischen Raum. Dass wir die Zwiefalt des Winkens vernehmen, lässt es im Uneindeutigen, nicht aber im Zweideutigen. Dies ist, soweit ich sehe, eine einzigartige Herausforderung für das Denken.

Wie kann es sein, dass im Komm! schon das Geh! gesagt ist? Wie im Geh! schon das Komm!?

Nicht umsonst bleibt die Botschaft des Engels, sofern wir sie zu Recht schon im Schlag seiner Flügel vermuten, eine himmlische (göttliche). Die Versuche, die Vollzugsfigur des Winks (und Flügelschlags) bloß als formalen Träger eines Botschafts“inhalts“ im Sinn der herkömmlichen Semantik deuten zu wollen, haben wir zurückgewiesen. Dagegen müssen wir versuchen, uns an die der Teilung in Form und Inhalt vorausgehende Vollzugsfigur allein zu halten. Das Winken des Flügelschlags ist die Botschaft und bedeutet sie nicht, – vorausgesetzt, der Wink habe im Flügelschlag des sonntäglichen Vogels, vermittelt durch den des himmlischen Engels, sein Urphänomen. Dem Urphänomen des Lichtstrahls setzen wir das Urphänomen des Flügelschlags entgegen.

 

7.Wagen wir einen anders getönten Zugang und fragen nun doch: Welche Botschaft haben die Menschen seit Urzeiten in den Flügelgestalten vernommen? Die Antwort kann eigentlich nur lauten: Tod „und“ Liebe. Der Engel war der Todes-/ Liebesengel, seine Botschaft die Todes-/ Liebesbotschaft.

Verstünden wir den Menschheitstraum vom sog. Liebestod besser, so ahnten wir vielleicht, wieso der Flügelschlag als ein Schlag, nicht aber als doppelte Botschaft, (double bind) sich zu verstehen gibt, – nicht als stirb und werde! im Sinn eines Entwicklungsromans, – und wieso der Wink ein Wink ist, nicht aber in ein Zuwinken und ein Abwinken zerfällt, – wieso im Kommen schon das Gehen, im Gehen noch das Kommen schwingt, – wieso der Vorbeigang als Gangart des letzten Gottes (Martin Heidegger) gedacht wurde.

Ginge es um das Finden des einen, dem einen Schlag entsprechenden Wortes, bietet es sich an, im Wesen das Ab- „und“ Anwesen schon vorgängig schwingen zu hören. Wir sagen, jemand sei anwesend. Um das Anwesen als Vollzug zu betonen, können wir auch sagen, er wese an. Hier gebrauchen wir die verbale Form von Wesen, womit jetzt kein Substantiv ein Bestandshaft-Substantielles mehr nennt, sondern von einem Wesen als Vollzug die Rede ist, – also davon, dass es west. Solches verbal vernommene schwingende Wesen (ähnlich dem Wehen des Windes)9 können wir nicht feststellen, sondern es verlangt ein vernehmendes, ja hörendes Mitvollziehen, – so wie wir einer musikalischen Phrase mitvollziehend folgen, ohne sie je feststellen zu können.

Insofern solches verbales Wesen immer schon die vorgängige Einheit von Ab- „und“ Anwesen nennt, ist der Flügelschlag ein Wesen, – und vielleicht nicht nur eins unter anderen, sondern das Wesen. Sagen wir, etwas sei wesentlich, so beziehen wir uns jetzt auf solches Wesen und nicht mehr auf ein als bestandshafter Kern vorgestelltes Wesen.

Der Flügelschlag west in wesentlicher Weise, ja er ist eben das Wesen, um das sich alles dreht, indem alles in ihm ab- „und“ anwest. Wie das Sich-Drehen sich vollzieht – natürlich keineswegs nur mechanisch10 – bleibt numinos. Was aber bleibet, sagen die Dichter.

 

8. Was also bleibt, ist wohl gerade das Rätsel, weil es sich zum Bleiben eher eignet als eine verstandene Tatsache.

In seiner Dankesrede zum Hölderlinförderpreis zitiert Per Leo in Bad Homburg aus Hölderlins Rheinhymne: Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch/ Der Gesang kaum darf es enthüllen.

Und Per Leo weiter: … das uns ein Rätsel bleiben wird, das wir niemals lösen, aber auch nie aus der Hand legen werden (FAZ 16.6.16 S.11). Sollten die Gedichte Paul Celans, die Franz Wurm in seinem Handgelenk wahrnahm, mit dem hölderlinschen Rätsel etwas zu tun haben? Dann gehörten Wink und Flügelschlag zu jenem Reinentsprungenen, wovon Hölderlin sprach. Reinhard Knodt hatte das Rätsel wohl schon einmal in der Hand, als er in seinem Abenbergbuch aus einem Wirtshausgespräch zitierte: Da sagte einmal einer zum anderen: Komm!Geh! Reinhard, bitte leg das Rätsel nicht aus der Hand!

 

9.Wir sollten ja nicht aufhören, das Rätsel zu raten und zu beraten. Daher noch einmal ein Rateversuch. Der Flügelschlag winkt uns ab „und“ zu, zu „und“ ab. Aber dieses „und“ addiert nicht das eine zum anderen, sondern es besagt eher: „und zwar“ oder „beziehungsweise“. So sagt das Komm! schon Geh! und das Geh! noch Komm!. Und der Flügelschlag gibt uns auch den Wink: Sei es! Und zwar: Lass es. Jetzt brauchen wir die Sprache kaum noch zu strapazieren; jetzt können wir das Sein „und“ das Lassen mühelos in dem einen Wort Seinlassen sagen. Die implizite, innige Zwiefalt ist auch aus dem Seinlassen herauszuhören. Wir hören ein Zulassen im Zurücklassen; ein Zurücklassen im Zulassen; oder – wie Heidegger einmal sagte: eine zuvorkommende Zurückhaltung. Ist dies nicht fast schon eine Lösung des Rätsels? – Jedenfalls eine evidentere Lösung, als es uns der metaphysische Krampf von der Identität von Sein und Nichts zumutet.

Analog zum Seinlassen können wir auch vom Tunlassen sprechen, womit wir dem additiven Tun „und“ Lassen auch halbwegs mühelos zuvorgekommen sind. (vgl. Kafkas Tao)11. Das Tunlassen kennt wohl jeder Musiker – der Sache nach. Nur das Wort müsste man ihm noch schenken. Wer am Klavier die Tasten bloß drückt, ohne ihrem Widerstand in je verschiedener Dosierung nachzugeben, endet im Krampf und schließlich in der Musikmedizin. Auch der Anschlag der Finger des Pianisten ahmt noch den Flügelschlag nach.

10. Ein andermal sprechen wir noch vom Wimpernschlag, vom Augenaufschlag und vom Augenblick, der dem Wortsinn nach ein Blitz ist; von dem unspaltbaren, unausgedehnten Blitz, der doch gelegentlich blinzelt (F.N.).

All das sind Varianten des Winks. Und der Wink grüßt: Wir sprechen aber auch vom Abschiedsgruß. Sei allem Abschied voran! sagt Rilke. Wenn wir grüßen, schwingt der Abschied schon mit. Auch der Gruß weist – um es kühl zu sagen – die implizite innige Zwiefalt des ab- „und“ aufschwingenden Flügelschlags auf; zumindest immer dann, wenn es wesentlich wird.

 

11. Kommen wir ganz zum Schluss nochmal auf Paul Celan und die Wahrnehmung von Gedichten im Handgelenk zurück. Einen seiner Gedichtzyklen nennt Celan Atemwende. Sollte die Atemwende: die Wende zwischen Ein- und Ausatmen etwas mit der Wende im Gelenk zu tun haben – und somit mit der Wende im Auf- und Abschwung der Flügel? Hier im Schnackenhof war schon einmal von der Schwingtür zwischen Ein- und Ausatem die Rede. Und Wilhelm Teepe zitierte seinen Gesangslehrer Hussler mit dem Satz: Ein- Ausatmen sind dasselbe.

Das Rätsel erstreckt sich also auf weite Bereiche der Kunst – vorzugsweise der tonischen Künste. Der diesjährige Büchnerpreisträger Marcel Bayer sagt: Dort in der Dunkelheit des Kehlkopfs: das ist deine eigene Geschichte.12 (Gemeint ist der Kehlkopf als Raum des stimmlichen Ausdrucks.) Korrespondiert etwa die Dunkelheit des Kehlkopfs mit der Dunkelheit des Gelenks? Und wie korrespondiert das Rätsel der Atemwende mit dem, was wir leichthin Atmo-sphäre nennen?

12. Reinhard Knodt danke ich für die Langmut, womit er den Schnackenhof bis heute geführt hat.

                                                                                                                                          GvC 8/16

 

ἐσχατολογία 

Eine Sonnenwendenrede 2012

Liebe Freunde!  Willkommen zum Ende des 13. Baktuns der Maya-Zeitrechnung. Ein Baktun sind 144.000 Tage, der Beginn der Zeitrechnung der Mayas liegt im Jahr 3114 ante. Da es nach dieser Zeitrechnung noch das Piktun (7675) und das Kalabtun (157810 Jahre) gibt, ist so schnell nicht Schluss aber das wissen wir ja sowieso.

Im Jahr 1066 griff Wilhelm der Eroberer mit 600 Schiffen und 7000 Soldaten das damalige England an, vertrieb den Adel und die herrschenden Eliten, verteilte das Land an seine eigenen Leute und schrieb die herrschenden Besitzverhältnisse in einem Buch fest, das den Namen Doomesday Book erhielt.  Das Buch des jüngsten Gerichts. Das jüngste Gericht war gewissermaßen über die Welt des alten englischen Adels gekommen, ein Weltuntergang für die einen, ein Welt-Anfang für die anderen, so wie es vorher und nachher immer wieder Geschehen ist. Die Furcht vor solchen Ereignissen, das Denken in Kategorien von Weltende und Weltanfang, Chaos und neuer Ordnung, das Nachdenken darüber, was zuletzt wohl geschieht, nennt man eschatologisches Denken. Die Frage, inwieweit das Denken aller Kulturen eschatologisch ist, wurde gestellt und verschieden beantwortet. Religiöse Denk- und  Sichtweisen der Dinge, – wir nennen sie überheblich borniert –  zelebrieren solche Anfangs- und Endvorstellungen regelmäßig und richten sogar ihre tägliche Praxis nach ihnen aus. Auch wir, wir scheinbar Aufgeklärten, – Menschen im technisch naturwissenschaftlichen Raum – haben unsere Eschatologie, zum einen die technischen Endzeitvorstellungen – die Bombe,  der Zusammenbruch des Klimas oder der Computer,) zum Anderen kosmologisch naturwissenschaftliche Theorien. 500 Millionen Jahre, dann ist sowieso Schluss, sagen wir  z.B. großzügig und fragen uns, ob wir in einer erkaltenden Sonne erfrieren oder nicht vielleicht doch verglühen, weil sie sich beim Erkalten ausdehnt, wenn wir nicht vorher von einem Riesenkometen getroffen werden.

Interessanterweise fallen uns Domesday-Szenarien der naturwissenschaftlichen Sorte immer eher dann ein, wenn wir keine all zu dringenden Probleme haben – während wir zwischenzeitlich die Apokalypse eher an kleinere, ja geradezu kleinste Horizonte binden, die allerdings wirklich drohen – ein Atomkrieg (vor  dreißig Jahren) – ein allgemeiner Bankencrash. Noch kleinere Weltenden sind das Ende der DDR oder einer Ehe. Der Zusammenfall der alten Ordnung von Zeit zu Zeit und auch der Glaube, oder sagen wir  das Muster einer Vermutung, dass die Welt immer mal wieder untergeht und neu aufgebaut wird, begleitet uns also von Anbeginn.

Ein wohl unwidersprochenes psychisches Phänomen des apokalyptischen Denkens ist, dass der jeweilige Sinnhorizont und der drohende Untergang immer irgendwie zusammengehören. Ja,  in einer Art hintergründigen Vorliebe für das Schreckliche scheint der Untergang des sinnstiftenden Horizontes mit dessen letzter konsequenter Erfüllung sogar  deckungsgleich zu sein, als ob alles darauf hinauslaufe.  „Sieg im Tod!“ „Erfüllung im jüngsten Gericht.“ Erfüllung des Schicksals der Nibelungen in ihrem blutigen Untergang in Etzels Halle.., die Erfüllung des Kriegerlebens im ruhmvollen Tod… die chassidischen Juden und die Zeugen Jehovas freuen sich sogar auf das jüngste Gericht, zu dessen Auserwählten sie sich deswegen extra definieren, und das freudvoll „ruhige Scheitern“ des schöpferischen Menschen angesichts seiner nicht zu lösenden Aufgabe ist ja seit Handke ein gängiger Topos für die künstlerische Entfaltung  geworden – (ein Gedanke der übrigens von Ernst Jünger stammt, der in dem Roman „die Marmorklippen“ schildert, wie Mönche ein kostbares Herbarium verbrennen, um es nicht in die Hände der anrückenden Soldaten fallen zu lassen, sondern durch Verbrennen zu „retten“). Dass das Verbrennen eine Heiligung und letzte metaphysische Rettung ist, glaubt die gesamte Zoroastrische Religion, und dass an ihrem Ende die Welt selbst verbrennt und auf diese Weise aus dem Nichts wieder entsteht, ist die Lehre der ewigen Wiederkehr, auf die Nietzsche anspielt, um seine Hinweise auf ein im ästhetischen Muster gründendes Leben zu fundieren.

Kosmologie, Weltende, jüngstes Gericht, Domesday, Bankencrash, Ehekrach –  auch wenn der Weltuntergang  in diesen Modellen immer kleiner und zuletzt gar lächerlich wird, so dürfen wir doch nicht verkennen, dass sich dahinter ein sinnstiftendes Muster verbirgt,  ein Muster, dem unser westliches Denken verfallen ist und dem wir doch widerstreben sollten, da wir die Sache schließlich durchschaut haben. Dass wir unserer Gedanken Herr bleiben, also wissen was wir denken und warum, ist doch die große Formel der Aufklärung. Das ist sozusagen der Kern allen Widerstandes gegen die Apokalypse, bzw. gegen die Propheten der Apokalypse, die ihre Macht aus der Angst vor den letzten Dingen beziehen. Die Aufklärung stellt sich also zwar nicht außerhalb kultureller Traditionen, doch sie emanzipiert sich von jenem anthropologischen Muster nach dem unsere  Herkunft wie auch unsere Existenz nur vor dem Horizont der Apokalypse stattfindet.  Sie emanzipiert sich, indem sie sagt, nicht  „der“ oder „ein“ Weltuntergang, sondern viele gibt es und so schlimm sind sie auch nicht, denn unser Dasein besteht aus wenig mehr  als dem immer wiederkehrenden Versuch, uns einen Raum zu konstruieren und damit zu leben, einem Raum, der dann aber leider irgendwann wieder zusammenbricht, dekonstruiert werden oder umgestaltet werden muss. (heute sagt man ja gern „rückbauen“, worunter aber auch ein konstruktives Prinzip zu sehen ist!)

Es ist also wahr, dass in gewissem Sinne immer wieder zusammenbricht, was wir aufrichten und dass es stets an allen Ecken und Enden hapert, wenn wir versuchen, etwas besonders Schönes aufzubauen, und selbst die  asiatischen Kulturen, die nicht ganz so versessen aufs Aufbauen und Wieder-Einreissen sind, wie wir, sind letztlich nicht davon ausgenommen.  Der Zusammenbruch unserer Ordnungen kommt auch mal schneller mal langsamer und mal vorhersehbar und manchmal sehr überraschend.  Aber als Aufgeklärte wissen wir doch, dass die immer drohende kleine oder größere Apokalypse sowieso das Gesetz ist, unter dem unsere Spezies angetreten ist; und nicht, dass es immer wieder einen Crash gibt, soll uns wundern, sondern dass wir immer wieder die Kraft finden, Neues zu schaffen, neue Gebilde, womöglich noch höher dimensionierter Ordnung und gegen die Tendenz des Zerfalls zu verteidigen – zumindest eine Zeitspanne lang, und vor allem auch in der Kunst, jener Beschäftigung, die über alle augenblicklichen Konstruktionen hinausweist auf neue Welten und neue Apokalypsen, so dass wir jetzt also aus gegebenem Anlass auch heute wieder mal das „Weltende“ feiern,  und damit  –  wer weiß  – ab jetzt eine ganz neue Haltung gegenüber unserer eigenen Apokalypse-Angst einnehmen, eine Haltung, die in der Lage ist, das Ende unserer Bemühungen nicht nur mitzudenken, sondern sogar mit zu lenken. Denn: warum sollte dieses Fest heute Abend nicht wirklich ein kleines Weltende sein?

Die Festtheorie sagt, dass auf Festen  – etwa den griechischen Dionysien, aber auch auf vielen anderen – (denken wir nur an eine Nacht in einem Tangolokal!) – die Welt des Alltags untergeht und dass aus der Asche dieses Untergangs eine neue Welt hervorgeht. Wer keine Feste feiern kann, wird wahnsinnig und wem die Welt nicht untergeht, dem wird auch keine Neue geschenkt.  – Also auf denn, feiern wir! – Den Weltuntergang.

 

 

Zu den Kanälen!  

(Begrüßung zur 1. Kanalparty  (18. Oktober 2002) einem ganztägigen Kanal-Fest auf dem Schnackenhof mit anschließender Kanalgrabung.

Liebe Freunde, meine sehr verehrten Damen u. Herren, Herzlich willkommen! Zu den Sachen selbst, pflegte Edmund Husserl gelegentlich zu sagen, um die Phänomene auf ihren „noumenalen“ Kern zu bringen und diesen, die Sache selbst also hervorzuheben. Heidegger übernahm das Verfahren und redete vom „ontos on“, dem „Sein“ des Seienden, Und damit bin ich beim Punkt und sage mit Heidegger: –   Zum Kanal also! Oder besser postmodern ausgedrückt: „zu den Kanälen!“, denn diese sind die Sache selbst. Die Häuser, die Straßen, die Städte unser Leben, unsere Feste, unsere gedeckten Tische, all das ist Erscheinung und phänomenales Treiben, ja, die geistvollsten Soirees und die geheimsten Feste der Liebe sind nur Abglanz dessen was ist und untergründig und schicksalshaft ontisch waltet und fließt – und ich werde Ihnen nicht etwa durch Rang und Überredung, sondern durch Gründe und Darstellung beweisen, dass der Kanal – oder sollen wir sagen, das Kanalhafte? – das bisher philosophisch Unberücksichtigte, künstlerisch zu wenig variierte und mithin der ästhetischen Erkenntnis neuerdings Anzuempfehlende sei,  jenes Kanalhafte, würde Heidegger sagen – und wir wollen wenigstens sagen, das Subphänomen unserer Geistesfeste, dem wir uns heute widmen.

Ich entschuldige mich – das ist auch schon Tradition – im Namen aller Helfer für die verbliebenen Unbequemlichkeiten und auch die angekündigte Fülle der Beiträge wird kanalisiert werden müssen. Wir versprechen den Neulingen unter Ihnen auch nicht, dass es immer größer schöner und bequemer bei uns im Schnackenhof wird. Es wird vielmehr immer unbequem, überfüllt und mit viel Fantasie und Enthusiasmus improvisiert bleiben, denn nur in der Improvisation, im Überwinden von Geldnöten, fehlenden Bestecken, zu wenig Gläsern und hintergründigem Umdenken selbst des depressivsten Regenwetters in geheimnisvoll düstere und daher auch tröstliche Unendlichkeit entwickeln wir hier im Schnackenhof jene Kräfte, mit denen wir uns gegenseitig am Leben und in liebender gegenseitiger Umarmung halten, obwohl wir –  Philosophen wissen das – jederzeit mit guten Gründen hinuntersteigen könnten ins ontisch trüb fließende Pegnitzwasser.

(Vorlesen):

„Verehrter Reinhard Knodt, der arme Poet Gustav Röder (der Chefredakteur der NZ, d.V.) ist leider am 18. Oktober  (47 Todestag von Ortega Y Gasset!) verhindert, so dass wir den Eintritt bezahlen wollen ohne einzutreten. Wir sind traurig und wünschen Erfolg…!“. auch Gustav Röder sei also bedankt und wer in der Nürnberger Zeitung veröffentlicht hat, weiß ihn zu schätzen, von ihm stammen die für heute geschriebenen geradezu klassischen Zeilen:

„Hoch überm Ufer der Pegnitz feiert der Reinhard. /Seine Grube ist voll, voller noch ist wohl sein Tisch! „

Vielen Dank Gustav Röder! Das hat Stil. Wenn es einen Preis für die gelungendste Entschuldigung zu einer Schackenhofiade gäbe, würde Gustav Röder ihn erhalten, das ist gewiss! Der Stil überhaupt, ich meine, der, in dem wir unser Leben führen, dieses unser Spiel-Haus gemeinsam finanzieren, in Stand halten und uns gegenseitig fördern, ist, jeder weiß es, ein unbequemes stets schöpferisches Frickeln und Basteln und Bessern; und es hat nichts von der scheinbar souveränen und soliden, tatsächlich aber ästhetisch geradezu torkelnden Dummheit, mit der hierzulande renoviert, Kunst gefördert oder gelegentlich gar „gebaut“ wird – auch Kanäle, womit wir beim Thema wären, denn:

Wir bauen einen Kanal! Wir wollen ihn bauen! Dies – einschließlich des Entschlusses, es zu wollen, hat sich nach jahrelangen Verhandlungen, Delegationen der Stadt Röthenbach und Notenwechseln mit wichtigen Instanzen als beste Lösung statt der Umwandlung des Hintergartens in einen doppelgekammerten Klärteich oder aber der konsequent antimodernistischen Haltung einer „altväterlichen“ Abwasserentsorgung in die Pegnitz ergeben. Ich möchte nicht sagen, dass es der einfachste Weg war. Aber Künstler fragen nicht nach der einfachsten, sondern nach der interessantesten und der dem Urphänomen angemessensten Lösung, wobei ich jetzt nicht über das Urphänomen dozieren will. Nach dem erwähnten über Jahre erfolgten Briefwechsel kam jedenfalls vor wenigen Monaten im Rahmen eines Delegationstreffens der Stadt Röthenbach auf der einen mit uns auf der anderen ein energischer Tiefbauingenieur auf den wohl zutreffenden Gedanken, dass wir – wenn auch vielleicht unbewusst, die Methode des Verschiebens nun schon über Jahre zu einer Art Kunstwerk des Nichtbauens aufgeführt hätten, dessen wir uns am Ende stolz in der Öffentlichkeit rühmten, während wir andererseits von der Stadt den Bau eines Windturms forderten, an einer Stelle, wo jetzt ein neues, für Röthenbach sicher nützliches viertes Einkaufszentrum entsteht, oder ist es das fünfte, ich weiß nicht. Die Laufer werden jedenfalls demnächst hier einkaufen, während die Nürnberger in den Schnackenhof kommen um Kunst zu erleben!

Jenes Kunstwerk des Nichtbauens – unbewusst aufgeführt wohlgemerkt und unter Beziehung verschiedener Autoritäten, die wir zu den komplexesten Problemen befragten, dieses Kunstwerk des Nichtbauens soll jetzt also dem Kunstwerk des Baues weichen. Vor Wochen noch über Jahre aufgeworfene Fragen, etwa die Frage, wo der Anschluss in der Straße denn liege, wenn überhaupt oder in welcher Tiefe, oder wo eine Firma sei, die dies mit Hilfe einer unterirdischen Kamerafahrt im Kanal definitiv entscheiden könne, wobei es natürlich eine ganze Reihe solcher Firmen und viele Kostenvoranschläge zu berücksichtigen galt, all diese Fragen sind mit einem Mal historisch und würden nur noch spätere Monographien unserer künstlerischen Tätigkeit füllen, weil eben jener Tiefbauingenieur kam und:  – Ja er würde einen Stichkanal bauen, bis in unseren Vorgartenrasen hinein, und die zu fällende Hainbuche würde er fällen, wenn wir nur jetzt einmal die künstlerische Aktion des Nichtbauens gegen die des Bauens vertauschen und nach drei Jahren Hinhaltens zum Spaten greifen würden.

Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich sage, dass dies der Moment war, in dem wir die Aktion des Nichtbaus für erfolgreich und beendet  ansahen und sofort überlegten, wie wir genauso erfolgreich nun eine Art ästhetische Aktion des Kanalbaus beginnen könnten, beziehungsweise jenen uns vorgetragenen Willen zum Kanal durch einen eigenen ebenso starken zu  meistern. Zu den Kanälen also! Denn um einen Kanal zu bauen, muss man wissen, was ein Kanal ist und um zu Wissen, was ein Kanal ist, muss man sich mit anderen Dingen beschäftigen, als mit ein paar trockenen Zahlen und Summen. Mit Venedig etwa, wie es Angela und Maria Löhr getan haben, denen ich hiermit für alle Dekorationen und die Gondel im Vorgarten danke. Man muss sich weiterhin mit dem alten Kanal, dem neuen Kanal und dem Karlsgraben beschäftigen, wofür ich Horst Schäfer danke, der uns drei verkäufliche Fototafeln zur Verfügung stellte. Wer sie kauft, spendet für unser Künstlerhaus. Ansonsten muss man sich mit der literarischen Tradition beschäftigen, wofür ich Friedhelm Sikora danke. Er hat so viele Stellen gefunden, dass die Auswahl schwer wurde und wir eine wunderbare Erzählung von Franz Hohler erleben werden. Man muss ansonsten das Phänomen das Kanals ernst nehmen und das heißt, sich dem schöpferischen Anspruch unterziehen. D.h. Auch Kongenialität hat gewisse Grenzen des Geschmacks. Bernhard Windisch und Ewald Arenz werden primär arbeiten, d.h. Sand schaufeln. Weiterhin gilt es sich mit der Technik zu beschäftigen, auch mit der Technikgeschichte des Kanalgrabens etwa, weswegen Ralf Huwendiek sich heute mit der Kunstfertigkeit der Maulwürfe beschäftigt und so eine intime dunkle Tätigkeit mit dem Weltmaßstab des Kanalschaffens der Menschheit verbindet.  Und dann wird zuletzt Michaela Moritz sprechen, wofür ich schon jetzt danke. Wien – Sie wissen schon, die unterirdische Welt des dritten Mannes. Ansonsten: Was ist ein Kanal? Was muss man erkennen,. um einen Kanal zu graben. Welche unendlich komplizierte Welt ist ein Kanalnetz!  Was fließt ab und was nicht? Warum hat Karl der Große den Karlsgraben aufgegeben?  Sehen Sie, das sind Fragen, dagegen sind die Ottonische Schenkung oder die Siegelbulle Ludwig des Frommen periphere Phänomene imperialer Eifersucht mit höchstens ein paar hundert Jahren Geltung gegenüber den Jahrtausenden, die die Kanäle der Menschheit betreffen. Die kosmische Dimension hat im Übrigen Udo Kaller mit dem Bild „Marskanäle“ geschaffen, für das ich persönlich danke!

Auch haben wir uns natürlich überlegt, ob wir den Kanal selber graben! 65 Förderer  rund hundert Freunde, viele darunter Kulturpreisträger der Stadt, des Bezirks, der Handwerkskammer, des Freistaates Bayern, der Bundesrepublik und aller möglichen Stiftungen – in zwei  Meter Tiefe durch sandige Erde, die wir durchstoßen würden, wie die Meerenge von Panama oder den Isthmus von Korinth – käme was mag – und auch dabei wäre zum Beispiel zu berücksichtigen gewesen, dass der Panamakanal die Stadt Valparaiso – als einstmals  große Hafenstadt und Festmachpunkt der „Kap Horniers“, in eine zweitrangige Provinzmetropole verwandelte, da nun ja kein Schiff mehr nach tobender Fahrt  ums Kap Horn hier festmachen wollte. Man fuhr einfach durch! Durch den Kanal, versteht sich. Ja, so etwas könnte uns blühen! Zweitrangigkeit durch den Kanalbau!  Banalisierung des Schnackenhofs als der blühendsten Insel dieser Kulturprovinz durch die Verunmöglichung echten Heldentums und Abfluss unserer geheimsten Produkte über öffentliche Gräben. Abkoppelung vom souveränen Grund unserer Schnackenhofexistenz mit bisher eigener Grube, in der wir bisher den eigenen Reichtum sammelten. –

Aber – Und jetzt komme ich zum zweiten Punkt. Genau betrachtet und ins Philosophische übertragen lässt sich am Kanal und am Kanalsein überhaupt ablesen, dass auch hier Geheimnis und Unergründlichkeit, Vielfalt und gar Verzicht auf brutale Renovierungsplanierung des verfallenden Schönen und Geistvollen dieses Hauses zumindest weiterhin möglich ist – wenn man die Kanäle als Idee gewissermaßen wirklich ganz und gar ernst nimmt.

Günter Eich schrieb in diesem Zusammenhang  „Die Kanaldeckel heben sich  um einen Spalt“. Zitiert habe ich diesen tiefgründigen Satz nach der Postkarte von Gustav Röder. Gustav Röder, dem einstmaligen Chefredakteur der Nürnberger Zeitung als diese noch eine Literaturseite, ein Feuilleton, einen gewissen Tiefgang und  – ach Geist einfach –  hatte im Gegensatz zu jetzt, wo sie eine Computerseite besitzt und mir von der Redaktion Kritiken angetragen werden über „Heinz Olaf Henkel, Erfolg im Unternehmen“, nun ja. Die Zeit ist vorbei, und wer Ortega Y Gasset war, weiß von den Redaktionsbürschchen dort keiner mehr und leider sind auch wir nicht unsterblich Die Kanaldeckel heben sich also um einen Spalt. Wir blicken hinunter und sehen die nun auf uns zukommenden deutschen Dinge, dunkel, geheimnisvoll glucksend aber wie die natürlichen Verläufe immer so spielen, am Ende doch dazu bestimmt, ans Tageslicht zu kommen, ans Sekundenlicht des Augenblicks, um dann endgültig zu versinken, nachdem sie noch ein letztes Mal gefunkelt haben wie ein Stern, wie eine letzte Liebe, eine fruchtbare Idee.  Renate Schmidt ist weg und wird Ministerin, Utz Ullrich ist jetzt dafür manchmal da. Monika Tepe ist weg und singt in der Schweiz, aber Renate Kaschmieder ist da und hat uns drei Lieder versprochen und zum Glück erst eines gesungen. Zumindest einer der Komponisten ihrer Lieder war schwermütig und hätte einen Schnackenhof gebraucht oder einen Spaten und eine Schaufel, um eionen Kanal zu graben und daher bitte ich nun um die beiden anderen Lieder – begleitet  am Klavier von Anni Gicquel.

(2 Lieder  Renate Kaschmieder)

Dank an Renate Kaschmieder.  Hinweis auf den 9. November (Florale Werkstatt Friedrichstraße 5 um 19 Uhr 30. Ich begrüße jetzt  neben vielen Zelebritäten auch

Mme Anni  Giquel,… Hans Kraus Hübner und Bawahni Moensad, die mir spontan nach drei Minuten Bekanntschaft erlaubte, sie zu duzen,  was mich so verwirrte, dass ich sofort ja sagte. Man wird sehen, wann wir uns wieder siezen, frühestens, wenn sie gesungen hat spätestens, wen sie Kanal graben muss: Vorher aber bitte ich zu lesen, bevor wir eine Pause zum Reden und Essen und Umherstreifen machen. Im oberen Salon gibt es für Menschen, die ausschließlich Musik wünschen – das neue Oratorium auf CD zu hören über eine feine Anlage!  Ansonsten erleben Sie heute:

Lesung: Ewald Arenz

Italienisches Konzert:  Annie Gicquel

Literatur 2 Stücke von Ralf Huwendiek

Bawhani Moennsad drei Lieder

Hohler-Lesung –  Friedhelm Sikora

Kunstaktion: Helmut Jahn

Jazzlieder –  Hans Kraus Hübner und Bawahni Mhoennsad

Dazwischen lange Pausen! – Liebe Freunde, liebe Förderer, ich habe sicher wieder die Hälfte vergessen, aber es ist nötig all die aufzuzählen, deren  Unterstützung  hier zusammenkam, nicht damit es angenehm oder großartig wurde, sondern dass später die Leute einmal wissen, was hier in einem Abbruchhaus ohne Strom und Wasser möglich war. Eine Art gemeinsames Leben eine künstlerische und Kunstliebe-praxis, ein „Kunst sehen“ und Kunst-Fördern in einem Garten der Philosophie, in dem wir uns gegenseitig nun schon fast sieben Jahre als jene „endlichen Götter“ zelebrieren, von denen Feuerbach einmal gesprochen hat als er erklären wollte warum die Künstler die Heiligen abgelöst hätten…  Ich habe jetzt lange genug geredet und wünsche uns allen einen guten Tag!