Grundtexte

 

Reinhard Knodt

Korrespondenz und Atmosphäre –

Für eine Philosophie der ästhetischen Korrespondenzen

(Hannover, 2014) publ. bei Eva Koethen, (Hrg.) Erweiterte Fassung: 

 

 

I Ortsbestimmung:

Meine „Philosophie der Korrespondenzen“ von 1993 ist nicht nur eine Theorie über gewisse Zusammenhänge, sondern vor allem eine Praxis des Auslegens und Beschreibens von Phänomenen. Was dabei den dazugehörigen Begriff der Atmosphäre anbelangt, so gibt es inzwischen hochinteressante Arbeiten. Eine ist der für die Gartenphilosophie und die Architektur nutzbar gemachte Atmosphärenbegriff bei Gernot Böhme.[1] Andere Überlegungen dazu sind durch die Namen Wolfgang Welsch, („Ästhetisches Denken“) aber auch Hermann Schmitz („Der Leib, der Raum und die Gefühle“) bezeichnet. Für Gernot Böhme ist Atmosphäre ein „quasi-objektiver Gegenstand“ Hermann Schmitz[2] verlegt die Atmosphäre in einen vorsprachlichen „Leibraum“ aus dessen Erfahrungen dann etwa die Dichtung schöpft, wie er mir auch selber schrieb.[3] Grob skizziert könnte man also sagen, Gernot Böhme verlegt die Atmosphäre sehr weit ins „objektive“ Außen, Schmitz sehr weit in ein psychisches Innen oder gar in den Bereich des „Leibes“. Der Clou ist aber, dass Atmosphäre weder ein Gegenstand noch ein Gefühl ist, sondern ein Geschehen, genauer: ein Korrespondenzgeschehen, das eine Subjekt-Objekt Spaltung, wie aber auch ein Spaltung zwischen Erfahren und Verstehen eines „Gegenstandes“ gerade auflösen will. Der Begriff der Korrespondenz wäre hier also das beste Beispiel für eine Lösung der Probleme, die beide mit dem Begriff der Atmosphäre haben. Nun aber zunächst zur Korrespondenz selbst:

Wollte man ein wesentliches Motiv der Korrespondenztheorie philosophie benennen, so könnte man vom Versuch eines Brückenbaus zwischen zwei wichtigen Denkstilen des 20. Jh. sprechen. Auf der einen Seite steht dabei der von Habermas inaugurierte Stil des Diskursiven mit seinem von Hegel stammenden politischen Anspruch und dem damit verbundenen, aus der Informationstheorie der vierziger Jahre hergeleiteten Modell von Sender, Empfänger und „Message“, die ja mittlerweile als Diskursorganisation zum Projekt der Moderne wurde. Man könnte hier sozusagen von einer Art Dombau der Vernunft sprechen, an dem sich alle beteiligen, die am vorgeblich herrschaftsfreien Diskurs teilnehmen. Diskurs ist ja bei Habermas so etwas kreative Demokratie vom philosophischen Seminar bis zum Europaparlament.

Auf der anderen Seite – ein wenig altertümlich anmutend, aber eben auch dauerhaft und wehrhaft – Heideggers alte Schwarzwaldhütte, bzw. die ganz andere Auffassung vom Denken als einem Weg zur „Aisthesis“, mit ihren wichtigen methodischen Ausdrücken, Entbergung und Seinserfahrung, womit schon gesagt ist, dass man das Wichtigste sowieso nicht verstehen kann, sondern erfahren muss und es daher eben nicht diskursiv organisieren kann. – Heidegger war Schüler Husserls, hatte sich aber zunehmend von dessen allgemeiner Phänomenologie der Sachen entfernt und schließlich mit der Kunst verbündet. Man übertreibt kaum, wenn man sagt, die letzten fünfzig Jahre philosophischen Nachdenkens im vorigen Jahrhundert – gerade auch der Postmodernenstreit, spielten sich im Konflikt zwischen der Diskursphilosophie von Jürgen Habermas einerseits und den ewig unbelehrbar erscheinenden Heidegger-Adepten andererseits ab.[4] Beide Seiten machten sich dabei gegenseitig typische Vorwürfe, und so wird den Erben Heideggers bis heute wohl immer noch eine Art ontologischer Tiefenrausch vorgeworfen, eine Sehnsucht nach dem Sein des Seienden das im „Ge-stell“ der institutionalisierten Diskurse „vergessen“ wird und nur gelegentlich in den Lichtungen großer Kunst oder Philosophie aufblitzt, weswegen das Bemühen philosophischen Sprechens eben im Verbund mit der Kunst (möglichst Hölderlin) genau dahin gehen sollte, statt sich in den Wirklichkeitskonstruktionen des sekundären Geredes – etwa der kritischen Erkenntnistheorie oder der Soziologie – zu verlieren. [5] –  Habermas wird von seinen Gegnern im Gegenzug dazu eine Art diskursiver Höhenrausch attestiert, also ein fragwürdiger Glaube an die Konstruierbarkeit und politische Steuerbarkeit immer abstrakter sich auf türmender (oder eben auch verlierender) Diskurse und deren Institutionen nach dem platonisch angehauchten Motto: Gottes bürokratische Mühlen mahlen langsam aber gerecht, wobei die Kunst in den Augen der Kommunikationstheoretiker natürlich am Besten selber gleich ein „Diskurs“ ist oder zumindest zum Arbeitsfeld verschiedener Diskurse wird, bzw. zu einer Form politisch motivierter sozialer Tätigkeit im öffentlichen Raum.

Man kann nun einerseits versuchen, die beiden Positionen durch Abschwächung der gegenseitigen Vorwürfe anzunähern. Einerseits wird man Habermas ja keine pauschale Geringschätzung oder platte politische Vereinnahmung der Kunst vorwerfen können, und auf der anderen Seite hat sich auch Heidegger von der Metaphysik verabschiedet, die er, wie es schon in den Nietzsche -Vorlesungen von 1940 hieß, „verwinden“ wollte. Weiterhin bekannte sich Habermas aber bekanntlich zu dem Weberschen Dictum, dass er „religiös unmusikalisch“ sei, ein Sachverhalt, den man auf den mitunter herrschenden Gestus zeitgenössischer Kunstmetaphysik wird übertragen dürfen, weil Kunst mittlerweile gewissermaßen der „Weg des Westens“ ist, und auch Heideggers legendäre „Verwindung“ der Metaphysik dürfte vielleicht letztlich doch eine der Lebenslügen der Ontologie sein, denn mit Heidegger lauschen wir nach wie vor auf das niemals ganz zu sich kommende, bzw. sich nur zögernd entbergende Sein, welches nur Taoisten kein großes Problem ist, und tatsächlich spiegelt sich bei Heidegger – schon von Nietzsche her – manches Östliche, an das heute gern wieder angeknüpft wird – etwa in dem letzthin erschienenen Buch „Abwesen“ des Heideggerianers Byul Chul Han.[6]

Die Relativierung von Vorwürfen, bzw. prinzipiellen Unterschieden des Erkenntnisgestus der beiden Grundrichtungen Kommunikationstheorie  versus Ontologie dürfte allerdings kein wirklich erfolgversprechender Schritt im Hinblick auf den anvisierten Brückenbau sein. Hier liegt nun sozusagen das Motiv des Korrespondenzbegriffs, von dem ich damit also behaupte, dass er nicht nur so eine beliebige Idee ist, sondern eventuell eine wirklich wichtige wenn nicht gar notwendige Folge in einem Denkstreitder vorigen Jh. der bis heute dauert.

 

II Korrespondenz

Die Philosophie der Korrespondenz geht von einem gemeinsamen Defizit des beschriebenen Gegensatzes und seiner Pole aus. So fundamental sich Heidegger und das rationale Diskursmodell nämlich unterscheiden, so ähneln sie sich doch auch in einer Hinsicht, insofern sich bei ihnen – sowohl für den Weltprozess der Kommunikation und seine Diskursinstitutionen, wie auch für das sich aisthetisch entbergende „Seinsgeschick“ – zunächst einmal vor allem eine äußerst fragwürdige fundamentale Distanz zwischen dem Einzelnen in seinem Denken und dem sich immer wieder entziehenden Erkenntnisgegenstand aufwirft. Wir fühlen uns geradezu prinzipiell abgeschlagen und gar nicht in Betracht kommend, angesichts der ausufernden Aufgaben, die sich vor uns türmen. Wir haben irgendwie den entmutigenden Eindruck, wir bräuchten gar nicht erst anfangen in den Verstrebungen des Habermas‘schen Domes umherzusteigen, und auch Heideggers endlose Frageketten bringen uns nur quälend langsam und zentimeterweit vorwärts auf einem unendlich scheinenden Weg, wenn sich im fragenden Suchen nicht überhaupt alles auflöst in jenes seit Hölderlin ja gern zitierte „Gespräch das wir sind“, das uns aber auch nicht zufriedener macht, es sei denn, wir wollen selber gar nichts mehr sagen, sondern lieber hören – etwa auf die Sprache.

Habermas würde den frivolen Selbstdenker mit Weltperspektive ansonsten daran erinnern, dass der „Philosoph“ im emphatischen Sinne sowieso erledigt ist, eine zeitabgewandte Figur des idyllischen Subjektivismus, der vermessen an irgend einem Randgebiet der Milchstraße der Diskurse operierend nach einem Zentrum sucht, während der große Diskurs für ihn in Wirklichkeit doch bestenfalls eine Arbeitsstelle bereithält – als Universitätsbeamter, Statistiker, Redakteur oder künstlerischer Sozialarbeiter.

Die Erben Heideggers, die ja schon prinzipiell erhaben sind gegenüber dem „sekundären Geschwätz“ der längst ins Unwesentliche auseinanderfallenden Diskurse, geben sich auf ihre Weise ganz ähnlich. Vor ihrem Blick – wir ahnen es – werden wir gar nicht mehr alt genug, um jemals den Horizont zu erblicken, vor dem sich das gelobte Land entfaltet. „Nähern“ mögen wir uns – gewiss, aber doch wohl eher wie Moses – also ohne es zu betreten und in einem „stets vergeblichen“ Begreifen, das zugleich das „Begreifen der Vergeblichkeit“ ist und sich uns in den „Näherungen“ ganz besonders „entschieden entzieht“, d.h. im Ganzen keineswegs zufällig an jenen Prozess erinnert, den Elias Canetti im Hinblick auf die Geschichte der römisch-katholischen Kirche beschreibt, jenem Prozess, dessen Priesterschaft im Lauf der Jahrhunderte das jüngste Gericht, Erlösung und den Trost des Ankommens unendlich weit hinausschob, um die Zwischenzeit mit den Ritualen der Macht (bzw. seiner Beamten) zu füllen. Heidegger als ewiger Messdiener sozusagen – dies aber bitte nur als psychologische Randnotiz zu verstehen und keinesfalls als Argument.

 

III Für eine Philosophie der Korrespondenzen

Meine „Ästhetischen Korrespondenzen“ von 1994 waren ein Buch, das – auf eine Grundlegung verzichtend – acht mögliche Anwendungen einer Philosophie der Korrespondenz lieferte, die in den Jahren zuvor veröffentlicht tatsächlich im philosophischen Hochgespräch ankamen, (selbst bei Sloterdijk, der – den Versuch in eine Linie mit Schmitz’ und Bollnow stellte),[7] die aber als Einzelerscheinung nicht ausreichten, eine Korrespondenz zwischen dem Kommunikationsgedanken und dem Gedanken der Aisthesis überhaupt in Gang zu setzen. Sie erschienen entweder als interessante Alltagsphänomenologie oder als Variante des Kommunikationsdenkens, wurden als „geistreich“ in der Presse gelobt, wenn sie überhaupt richtig eingeordnet wurden. Damit ging es ihnen ein wenig wie dem „ästhetischen Denken,“ das Wolfgang Welsch zur selben Zeit entwickelte. Auch daraus wurde, wie man weiß, kein echter Trend, sondern eher schon wurden seine Bemühungen als eine Kommunikationstheorie mit Kunst-Schwergewicht gelesen, d.h. als Versuch, Kommunikation selber von einem auf Kunst eingeschränkten „ästhetischen“ Standpunkt aus zu betreiben. Das „ästhetische Denken“ selber – ob es nun ein Korrespondenzdenken, angewandter Heidegger oder Atmosphärentheorie war, erhielt zwar seinen Platz – aber letztlich eben doch nur an den Kunstakademien.

Was unterscheidet nun das „Korrespondenzdenken“ oder eine Philosophie der Korrespondenz vom Denken in Kategorien der Kommunikation oder der traditionellen Hermeneutik? Genauer gefragt: Was unterscheidet den atmosphärischen Horizont der Stimmungen, Näherungen, Differenzen und Korrespondenzen (auch der leiblichen, wie z. B. Hermann Schmitz gezeigt hat) von dem Horizont der Diskurse oder dem des Verstehens? Ist „Korrespondenz“ nicht doch bloß wieder ein neuer Name, um das ästhetische Defizit des Kommunikationsbegriffes mit Kunsttheorie zu bereichern? Ist, bzw war die Korrespondenzphilosophie also wirklich etwas Neues? Die nächsten drei Überlegungen sollen versuchsweise die Produktivität eines Korrespondenzbegriffs erläutern.

 

  1. Näherungen:

Das Wort Korrespondenz hat seine Wurzeln im lateinischen „respondere“, das heißt erwidern. Co-respondere ist zusammenstimmen zur Erwiderung, noch genauer, Gewichte zusammentragen, um ein Gegengewicht, eine Art Rückbindung zu erzeugen. Es ist ein Begriff, der sowohl die Verbindung selber (franz. les correspondances) als auch eine Praxis bezeichnet (etwa das Briefeschreiben). Die „Korrespondenzen“ – z.B. Geschäftskorrespondenzen oder der Austausch von Gesellschaftsklatsch in sogenannten „Korrespondenzblättern“ oder „Intelligenzblättern“, den Vorläufern unserer Zeitschriften – waren zunächst Sammlungen von Briefen, Rezensionen oder gesellschaftlichen Mitteilungen. Man konnte durch die Lektüre solcher „Korrespondenzen“ erfahren, wie gut oder schlecht ein Theaterstück vom Publikum aufgenommen wurde, wie die politische Stimmung in einem Land oder in einer Fraktion des englischen Unterhauses war, (Die Presse und die ersten Korrespondenzdrucke Walpoles!) wie das Handelsklima, die politische Lage hier oder da waren, und was sonst noch eingeschätzt, bzw. interpretiert werden sollte zu einer Zeit, in der man sich Briefe von Ost- nach Westlondon schrieb d.h. in einer Zeit, in der eine gemeinsame Atmosphäre des politischen Zusammenseins (D.h. Öffentlichkeit) überhaupt nur durch ständige aktive „Korrespondenz“ aufrechtzuhalten war, weil einem gewissermaßen nichts ungefragt ansprang, wie das ja heute stets der Fall ist.

Korrespondenz ist also eine dauernd durch gewisse aufeinanderzulaufende Tätigkeiten erzeugte Atmosphäre, ein unabgeschlossener Prozess, des „Hin und Her“ von Mitteilungen vor dem Horizont einer gemeinsamen Situation. Es ist ein Prozess, in dem diese Situation nicht nur beschrieben oder interpretiert wird, sondern auch gleichzeitig erzeugt und mitgestaltet. –

In diesem einfachen Sinn der Mitgestaltung ist Korrespondenz eine Form der Gemeinsamkeit, ein Sich-verständigen und Abstimmen angesichts einer Lage oder Situation, die dadurch in ihrer Vielschichtigkeit mitgestaltet und verändert wird. Korrespondenz steht also in einem poietischen Verhältnis zur Atmosphäre „in“ der sie scheinbar stattfindet, das heißt, sie arbeitet oder bildet an dieser ständig mit, ein Geschehen, das man sich nicht intensiv genug vorstellen kann und das auch seine historischen Höhepunkte hatte, man denke nur an die Rolle der Druckerpresse im Zeitalter der entstehenden Öffentlichkeit – und „Öffentlichkeit“ selbst ist ja nichts anderes als die Atmosphäre der ständigen Korrespondenz also eines Geschehens, an dem man als Gebildeter Zeitgenosse teilhatte – der Ursinn der Kommunikation, der eben Korrespondenz ist.

Versuchen wir dieses „Geschehen“ näher zu charakterisieren. Korrespondenzen sind Verbindungen, die nicht beliebig, aber auch nicht notwendig sind und dabei dennoch einen bedeutsamen Zusammenhang herstellen. Das Netz einer Untergrundbahn etwa wäre ein Reich der Korrespondenzen, aber auch eine sogenannte „Zeitungslandschaft“ oder ein festlicher Ball oder ein bürgerlicher Salon des 19. Jh. Wenn man will, ist jede Verbindung in diesen Zusammenhängen eine „Korrespondenz“, soweit sie nämlich nicht bloß kausal oder nur logisch ist, soweit sie also eine gewisse Willkür hat, d.h. genommen (benutzt) werden kann oder nicht. Diese Willkürlichkeit – die ja dennoch gewisse Voraussetzungen hat – könnte man als topo-logisch bezeichnen. Man könnte Korrespondenzen also als topologische Verbindungen bezeichnen, Verbindungen, die – (denken wir etwa an Aristoteles’ Topik) durch Parallelität, Kontrast oder Ähnlichkeit, durch das Verhältnis vom Teil und Ganzem, der Kombination von Teilen, usw. bestimmt ist, die also nicht kausal vorgegeben oder logisch zwingend, aber auch nicht völlig beliebig, sondern sich eher durch unsere alltäglichen Umgang mit den Dingen eingeschliffen haben, die also im einen oder anderen Fall durchaus „zwingend“ sein kann, so dass oft eine Kleinigkeit die Korrespondenz stören würde im anderen Fall fast beliebig, so dass die Benutzung der Verbindung eine Überraschung oder ein Aha-Erlebnis sein kann. Korrespondenzbeziehungen sind also  als topische Beziehungen zu charakterisieren. Es sind Beziehungen, die gewissermaßen einen flüssigen, unbestimmten Teil haben, die – wie korrespondierende Tänzer auch nie aufhören, sich gegenseitig zu neuem Einsatz zu reizen, die eine erstaunliche Phantasie entwickeln ohne jedoch ganz von einem Grundmuster der möglichen Verbindungen ihrer Bewegungen abzuweichen – (etwa im Tango). In einem erweiterten Sinne könnte man auch von einem (offenen) Gespräch oder von der Liebe als typischen Korrespondenzbeziehung sprechen, so wie ja auch z. B eine entstehende Liebesbeziehung nichts Zwingendes, aber eben auch nichts Beliebiges hat.

Die Beziehung der Korrespondenz kommt gewissermaßen zwischen Zufall und Notwendigkeit zustande – in dieser Form aber regelmäßig und in vielen Fällen ganz ähnlich einem allgemeinen Gesetz, dem wir unterworfen sind. Ja wir müssen zugeben, dass die allermeisten Beziehungen solche der Korrespondenz sind, dass es sich dabei um schöpferische, lebendige Beziehungen handelt, die rational nie ganz eingeholt werden können, da immer Vieles mit-spielt, und die in ihrem Zusammenspiel zugleich den Horizont mit erzeugen vor dem sie gültig sind, so wie sie sich auch wieder verlieren. Ich möchte behaupten, dass ist der wahre Gang der „Kommunikation“ während das von den heutigen Kommunikationsspezialisten bearbeitete Feld einen vergleichsweise bescheidenen Teil der Wirklichkeit ausmacht. was es noch zu bedenken gilt.

 

  1. Das Modell:

In einem zwar starren und eher strukturellen Modell, mit dessen Hilfe man den Sachverhalt versuchsweise vom Kommunikationskonzept unterscheiden kann, könnte man sagen, Korrespondenz ist eine dreiwertige Relation. Im Unterschied zur bipolaren Relation des Kommunikationsmodells, in der ein Sprecher (Proponent, Sender) A – mit einem Hörer (Opponent, Empfänger) B kommuniziert um zu einem Ergebnis, einer Abmachung, einem Beschluss einer Informationsgemeinschaft usf. zu kommen – (und auch im Unterschied zum bloß sich offenbarenden oder verbergenden Wesentlichen bei Heidegger, (und ob nun im An- oder im „Abwesen“ ist dabei gleich gültig!) sagen wir im Sinne der Korrespondenzphilosophie: Der Korrespondent (A) korrespondiert mit einem Korrespondenten B angesichts eines gemeinsamen Horizontes H, der in dieser Korrespondenz nach und nach „aufscheint“, bzw. erzeugt und aufrechterhalten wird oder auch wieder niedergeht oder schwindet. – „Aufscheinen“ und schwinden, „Horizont“ usw. ist eine Sprechweise, die nicht ohne Absicht auf die Sprechweise der Hermeneutik anspielt, etwa in Gadamers Wahrheit und Methode. Sie besagt, dass Korrespondenz nicht so einfach willkürlich herstellbar ist. (wie ja auch Atmosphäre eben gerade nicht so einfach als „quasi-objektiver“ Gegenstand hergestellt werden kann) vielmehr „scheint“ sie auf, etwa wie ein Hellwerden, oder sie stellt sich ein, etwa indem die Beteiligten dazutun. Dieses „Dazutun“ ist kein Sprach-Handeln angesichts eines Leibgefühls und auch keine diskursive Verhandlung mit konkretem Ziel, jedenfalls ist es nicht etwas so Einfaches, wie eine Einigung oder eine Abmachung. Stattdessen könnte man besser von einem werdenden „Werk“ sprechen, einem Kunstwerk aus tastendem Beginn, einstimmendem Zeichen-geben, eventuellem Zögern, den Gesten der gegenseitigen Achtsamkeit und somit des tastend spielerischen Erzeugens einer produktiven Spannung – eines Geschehen zwischen „Erfahren“ (aisthesis) und miteinander im Diskurs sein. „Korrespondenz“ ist das begriffliche Mittelglied zwischen Diskurs und Entbergen, Korrespondenzbeziehungen sind nicht bestimmt aber auch nicht willkürlich, sondern das Geschehen dazwischen, das im Gegensatz zu Diskurs und Entbergen keinen Fortschritt kennt und keinen Prozess irgendwohin markiert, sondern immerwährend geschehen, benannt, angeknüpft, verstärkt, abgeschwächt aufgelassen, abgebrochen werden kann.

 

Korrespondenzdenken ist also das Fruchtbar-Machen einer Situation im Sinne des Miteinander – eines Geschehen, das um uns herrscht und an dem wir zugleich verstärkend oder abschwächend mitwirken. Kommunikation ist im Unterschied dazu ein diskursiver, auf eine Abmachung oder Einigung hinarbeitender Verlauf gegenseitiger Erläuterungen, eventuell auch „Angriffen“ und „Verteidigungen“ von Proponenten und Opponenten mit ihren jeweiligen Zielen. Korrespondenz hat kein bestimmtes Ziel außer dem des fruchtbaren Miteinanders und vieles was heute Diskurs genannt wird, wäre längst besser als Korrespondenz bezeichnet. Korrespondierendes Sprechen etwa beansprucht – stärker oder schwächer und von Moment zu Moment variierend – die gelingende Gemeinsamkeit im Vollzug, im idealen Fall  –  Festlichkeit, die Königin der Atmosphären!

Der „Diskurs“ hat im Unterschied dazu das Ziel einer Entschließung. Er beansprucht ein Ergebnis, ein Sich-Einrichten im Beschluss. Anders ausgedrückt – wenn „Kommunikation“ an ihrem Ziel ist, ist ein Abschnitt erreicht und es muss schleunigst eine neue Kommunikation begonnen werden. Wenn Korrespondenz an ihrem „Ziel“ ist, wird es glückhaft oder zumindest glücksversprechend. Dass dies eine idealtypische Konstruktion ist, versteht sich, aber es zeigt auch, dass beides zugleich der Fall sein kann. Diskurs setzt glückende Korrespondenz sozusagen voraus – andernfalls verhandelt man – wie kriegerische Parteien ohne gemeinsamen Willen und dabei kommt erfahrungsgemäß nicht viel heraus.

 

 

  1. Konsequenzen:

Hier wird klar, dass Kommunikation, die Welt der Diskurse und ihre Institutionalisierung (etwa ein Vertrag) viel „stärker“ sind als die Verhältnisse, die durch den Ausdruck Korrespondenz bestimmt sind. Korrespondenz ist „schwach“, aber sie ist allgegenwärtig und die meisten unserer Verhaltens- und Handlungsbeziehungen sind offenbar „nur“ korrespondierender Art. Das „Dazu“ im Dazutun zu einer gemeinsamen Situation macht deutlich, dass man in Fragen der Korrespondenz nichts wirklich „wollen“ kann, man kann nur mit einem ganz allgemeinen ungefährem Ziel ( sich dabei offenhaltend)  verstärken oder abschwächen, verbinden, kombinieren, aufgreifen, spannen, entspannen, subtil drängen oder vorsichtig zögern kann, aber nie einfach „sich verstehen“, sich „einigen“ oder gar einen Vertrag schließen. Korrespondenz könnte, begrifflich genommen, auch die ideale Beschreibung der Form des zeitgenössischen politischen Engagements der Masse „für“ oder „gegen“ eine politische Position sein. Nicht die Entschiedenheit, scheint es, zählt heute politisch, sondern die sich verstärkende oder abschwächende, gewissermaßen wogende Bereitschaft zur Korrespondenz, d.h. zum Beitrag an die gemeinsame Situation, zum Mitmachen. Es ist gewissermaßen wie bei der Liebe. Jeder wird einsehen, dass man in Fragen der Liebe als Spezialfall glückender Korrespondenz nicht einfach etwas herstellen kann, denn Liebe kein Gegenstand. – Sie ist vielmehr ein gegenseitiges Erfahrungs-Geschehen, also etwas, das zwar beide wollen, das aber dennoch glücken oder verunglücken kann, sie ergibt sich und wird verstärkt oder sie schwächt sich wieder ab – wie ja auch Hass oder Krieg nicht einfach begonnen oder beendet werden, sondern sich bekanntermaßen einschleichen. Die Verhältnisse der Korrespondenz „schaukeln“ sich auf wie auch der Streit eines ehemaligen Paares. Irgend etwas – ein Keim – ist immer schon da. Vielleicht fehlt auch etwas, dessen Fehlen sich mit der Zeit als Grund schwindender Korrespondenz oder gar sich hochschaukelnder Feindschaft herausstellt. Eine Philosophie der Korrespondenzen will jedenfalls darauf hinaus, dass wir in vielen und womöglich sogar den wichtigsten Fällen des Miteinander nur mit-tun oder dazu-tun, verstärken oder im Zögern abschwächen können, dass wir also prinzipiell Korrespondenz suchen oder meiden und sie in diesem Sinne durch Teilnahme oder Abseitsstehen als ein Beziehungsgeschehen für uns fruchtbar machen. In den meisten wichtigen Fällen des Lebens „einigen“ wir uns nämlich nicht und wir „verstehen“ uns auch nicht. Wir korrespondieren aber trotzdem und dies scheint sogar oft ein besonders Glück zu sein.

 Korrespondenz scheint gegenüber den Fällen diskursiver Prozesse (man denke an politische über viele Jahre sich erstreckende oder institutionalisierte Verhandlungs-Prozesse) ein Verzicht auf Freiheit und Setzung. Es scheint fast eine Ergebung in den Gestus der Teilhabe. Doch unterscheidet es sich auch davon, denn Korrespondenz beschränkt sich nicht auf Teilhabe und Erfahrung an einem Größeren, sondern ist immer auch zugleich aktives Gestalten und Beitragen. Ansonsten behaupte ich, dass wir erst durch gelingende Korrespondenz wirklich glücklich sein können, während wir durch die Kommunikation und ihre Diskurse nur erfolgreich sein können und eben nie ganz glücklich, selbst wenn wir erfolgreich wären – und dass uns auch die Entbergung des Seins nicht glücklicher macht in einem Leben, in dem es darauf ankommt glücklich zu sein. Anders ausgedrückt: Glück ist nicht der Vertragsabschluss mit der Welt, sondern Gelingen.

Insofern gibt es für den Philosophen der Korrespondenzen auch keine Gegnerschaft oder endgültige Polarität, sondern nur das Aufbauen oder das Abschwächen von Korrespondenzen. Korrespondenz ist oder ist nicht, so wie in jenem Lied Bert Brechts in der Dreigroschenoper, wo es heißt, „die Liebe dauert oder dauert nicht, an diesem oder jenem Ort.“ Sie kann nicht eingefordert werden, und „verstehen“ werde ich den anderen sowieso nie. Ich kann einem produktiven Missverständnis unterliegen und glauben, ihn zu verstehen. Ich kann mich auch mit ihm einigen – doch wer weiß, wie viele neue Irrtümer meiner Einigung zugrunde liegen und wie lange die Abmachung hält, ob also mein Glaube nicht irgendwann durch (wieder geglaubte) neue Klarsicht enttäuscht wird und ich in Wirklichkeit nur wieder neu betrogen bin. Statt auf Einigung und Durchschauen zu zielen, geht die Philosophie der Korrespondenz davon aus, dass die Dinge der Wirklichkeit selber „verkettet, verfädelt und verliebt“ sind, dass wir in diese Verhältnisse eingewoben sind auch und gerade in unseren naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozessen, die oft genug von technischen Prozessen oder von Handlungsweisen gar nicht zu trennen sind. –

Die Philosophie der Korrespondenz ist also auch auf dem Gebiet der Erkenntnis weniger interessiert an der Differenz zwischen den Systemen unseres „Verstandes“ und der „Welt“. Sie betrachtet sich stattdessen als schon immer involviert in das, was sie selber ist – die Beschreibung und das Veranstalten von Korrespondenzen als einem nie abschließbaren Geschehen. – „Erkennen“, „Verstehen“ oder „Verändern“ von „Wirklichkeit“ sind nur Varianten dieses Involviert-Seins bzw. der Korrespondenz, und ob in Liebe oder Krieg, das ist letztlich nur eine Frage des jeweiligen Täuschungsgrades über den Sinn unseres In der Welt seins, womit wenigstens ein abstraktes Votum für Rationalität abgegeben sei. Mehr geht nicht! Korrespondenz ist also sozusagen der schöne und in jedem Lächeln gelingende Versuch, unseren produktiven Täuschungen wenigstens eine gemeinsame Läuterungsabsicht entgegenzuhalten.

 

IV Atmosphäre

Zuletzt zur Atmosphäre, da sie inzwischen ein bekannter Topos geworden ist: Von den „quasi-objektiven“ Gegenständen Gernot Böhmes war bereits die Rede. Für ihn scheinen Atmosphären gewissermaßen Gegenstände zu sein an denen wir manipulativ tätig werden können. Diese Ansicht entspricht mir zwar mehr als die Formulierung, wir seien ihnen als „Mächten“ unterworfen (Schmitz), andererseits kommt mir beides einseitig vor und ich schlage daher vor, „korrespondenzphilosophisch“ auf ein Zugleich zu zielen.

In direkter Übersetzung aus dem Griechischen sprechen wir ja metaphorisch vom „Atem der Dinge.“ Räume, Gegenstände, Menschen, Geschehnisse, der Auftritt eines Menschen in Gesellschaft, eine Fußballweltmeisterschaft, all dies kann in einem übertragenen Sinne tatsächlich so beschrieben werden, als ginge davon ein „Hauch“ aus oder gar eine bannende Macht. Andererseits tragen wir zu diesen Dingen aber auch selber bei, ja die Tatsache, dass unsere Tätigkeit in den „Atem“ eines Gegenstandes wesentlich eingeht und in Spuren sichtbar oder wenigstens denkbar bleibt, ist für die Atmosphäre sogar entscheidend. Von einem gut gebundenen alten Buch, in das also auch handwerklich viel Mühe eingegangen ist, geht in diesem Sinne ein anderer „Atem“ aus als von einer ÖTV-Broschüre gleichen Inhalts. Von einer Buddha-Figur geht ein anderer Hauch aus als von einem Hydranten und auf einem Fußballplatz herrscht eine andere Atmosphäre als in einem Dom. Dies hat wohl weniger damit zu tun, dass wir der Atmosphäre „unterworfen“ sind und angesichts ihrer poetisch um Sprache ringen, wie Schmitz sagt,[8] sondern eher damit, dass sie uns als unser eigenes Tun und Treiben nun plötzlich von außen entgegenzutreten scheint – was uns also gelegentlich anrührt, ist keine fremde Macht, sondern eher unsere eigene Geringfügigkeit angesichts der Natur oder der Ergebnisse kollektiven Tuns, die uns gesammelt entgegentreten, (etwa an einem Altar, von dem wir abstrakt wissen, dass vor ihm jahrhundertelang gebetet wurde oder in der Atmosphäre einer Stadt, die uns aufnehmen kann) – wir empfinden diese Situations-Atmosphäre auch in einem fremden Land dessen Religion wir nicht oder kaum kennen oder in einer fremden Stadt. Etwas „weht“ uns an wie der berühmte Hauch, der die Bürger Trojas streifte, wenn im  Theaterstück von Giraudoux „Der Trojanische Krieg findet nicht statt“ Helena auf der Stadtmauer spazieren ging. Die Trojaner riskierten für diesen atmosphärischen Hauch bekanntlich einen Krieg. Doch dem nachzugehen, würde hier zu weit führen.

Unsere Sensibilität für das Atmosphärische und auch unsere Vorlieben sind im historischen und persönlichen Fluss. Im Lauf der Zeiten wandeln sich die Schwerpunkte unseres Verlangens und auch die atmosphärischen Kerne. So wurde im frühen Mittelalter durch ein Loch im Sarkophag eines Heiligen, dessen Atmos für die Andächtigen zugänglich gemacht. Man konnte, die Hand konkret in die Nähe des Verwesenden bringen. – Später übernahm die Reliquie die Rolle des atmosphärischen Trägers. – Sie hatte den Vorteil der Transportabilität, war aber noch ein Gegenstand mit mehr als nur symbolischer Anwesenheitsatmosphäre. Mit der Reliquie wurde der „Atmos“ des Heiligen am neuen Ort implantiert. Um die Reliquie entstand die Kirche, drum herum das Kloster. Um das Kloster entstand die Gemeinde, die der Kultus regierte und ohne diesen atmosphärischen Kult ist die Geschichte des Christentums schlecht denkbar. – Der „Hauch des Paradieses“, von dem im Mittelalter über Jahrhunderte die Rede ist und der Leichenduft, den man schon in den römischen Katakomben mit Myrre überdeckte, haben unsere atmosphärischen Organe über Jahrhunderte gebildet. Alte kühle Mauern, Schimmelpilze, Verwesung, Brandurnen und Myrre, das war „heilig“. – Heute korrespondieren wir – sehr viel nervöser und sensibel für Alles und Jedes mit einer Vielzahl von atmosphärischen Signaturen von der Architektur bis zum Hit aus dem Autoradio. Unsere Städteplaner richten hochsublime Umgebungen her – schaffen also Korrespondenzen für flanierende Massen, ob sie nun Einkaufs- oder Kunstmeilen heißen. (Ich habe dazu unter dem Stichwort „Das Prinzip Mall“ einen Aufsatz veröffentlicht, der das Flanieren als atmosphärisches Kunstwerk Benjamins aufnimmt) sowie auch Kunsttempel für die Anspruchsvollen, während die Künstler zugleich die atmosphärischen Wüsten beziehen, welche entstehen, weil unsere geschmacklichen Präferenzen für diese oder jene Atmosphäre nicht mehr zur Pflege ausreichen. Ein Einkaufszentrum der 70iger Jahre, alte Fabrikhallen, aufgelassene Warenhäuser, das finden wir heute nicht mehr befriedigend im alten Sinne, aber vielleicht noch „spannend“, in einem neuen. D.h. wir verweigern die alten Korrespondenzen. Wir siedeln Künstler in solchen Quartieren an, denn wir hoffen, dass sie neue Korrespondenzen herstellen oder verstärken.

So leben wir – scheinbar in einer Welt der wechselnden Atmosphären und im Atem der Dinge, tatsächlich aber wohl besser (und weniger bildlich gesprochen) in einer Welt der ästhetischen Korrespondenzen – der gelingenden oder misslingenden, der alten und neuen, der aufgenommenen und der aufgegebenen Korrespondenzen, welche in ihrem Spiel Atmosphären als Raumentwürfe hervorbringen. Der atmosphärische „Atem“ der Skyline von New York, das mediale Geschehen, das uns in der Vorhalle eines großen Ausstellungsgebäudes zu umfluten scheint, eine Kerze, die man entzündet um der Situation der Nähe und Gemeinsamkeit eines Sitzens am Restlagerfeuer unserer Zivilisation zuzuarbeiten, erzeugen den Eindruck, hier oder da „geborgen“ zu sein. Die Pfleglosigkeit und mangelnde Korrespondenz gewisser Areale erzeugt den Eindruck hier oder dort nicht geborgen, oder gar verloren zu sein. Diese Atmosphären jedoch herrschen „dort“ nicht unabhängig von uns, vielmehr entspringen sie dem Fluss der Korrespondenzen, einem poietischen Geschehen des „Innenaußen“, das uns mal „zuhause“ sein lässt, wenn wir beginnen, die Grenzen zwischen „außen“ und „innen“ aufzulösen, und das uns ein anderes Mal entlässt oder gar verstößt, wenn wir die Korrespondenzen nicht mehr herstellen wollen, aufkündigen oder schlicht beenden (müssen). Warum fühlen sich ältere Menschen gelegentlich „verloren“ und warum ist die Atmosphäre der ängstlichen Verlorenheit oder das Unheimliche ihnen näher als Jüngeren? Es ist die bei ihnen drohende oder mitunter gespürte Auflösung der Korrespondenzen – die altersbedingte Entzauberung der Welt, während den jungen Menschen die Welt bekanntlich zu umarmen scheint. – Im großen Feld der Korrespondenzen ist die Atmosphäre also ein aufschlussreiches Phänomen, das vielfach zutreffend beschrieben ist, der Grundbegriff scheint mir aber wie im Fall der Kommunikation auch im Fall der Atmosphäre die Korrespondenz zu sein.

 

Literatur

Literatur 1

 

Böhme, Gernot: Atmosphäre als Grundbegriff einer neuen Ästhetik“, in Kunstforum International 120, 1992.

Ders.: Essays zur neuen Ästhetik, Suhrk. 2013.

 

Han, Byul Chul, Abwesen, Berlin, Merve 2007.

Heidegger, Martin 1935, 1956, 1960, 1982…ff. Der Ursprung des Kunstwerkes; Reclam Stuttgart

Knodt,Reinhard 1994 Ästhetische Korrespondenzen, Reclams Universalbibliothek Nr. 8986 Stuttgart

Schmitz, Hermann: 2010 Jenseits des Naturalismus, Alber, München)

Schmitz, Hermann: 2009, Der Leib, der Raum und die Gefühle.

Schmitz Hermann, Brief an den Verfasser v. 7. Juli 2013 (im Besitz d. Verf.)….“

Sloterdijk, Peter, Sphären II (Globen) Ffm. 1998 – 2004 Bd. 2; S. 145/46

 

[1] Böhme, Gernot: Atmosphäre als Grundbegriff einer neuen Ästhetik“, in Kunstforum International 120, 1992, S. 247-255). Und ders.: Essays zur neuen Ästhetik, Suhrk. 2013.

[2] Schmitz, Hermann: 2010 Jenseits des Naturalismus, (Alber, München) S.235, 236. Atmosphären sind für Schmitz, der eine poietische Darstellung oder ästhetische Denkweisen meidet, „flächenlose Räume“, wie etwa der „Raum der Stille“, „des Schalls“ oder „der Gefühle als Atmosphären“ (a.a.O. S. 236).

[3] Schmitz, Hermann: 2009, Der Leib, der Raum und die Gefühle. S. 84 ff (Hier sind Atmosphären „ergreifende Mächte“, die „unter die Haut“ gehen. In einem Brief an den Verfasser v. 7. Juli 2013 (im Besitz d. Verf.) auf Atmosphären bezogen. (S.u.)

[4] Ein früher Gipfelpunkt der Auseinandersetzung war der „Hermeneutikstreit“, in dem das Arbeitsfeld des Verstehens von Gadamer methodisch zwar befestigt, aber damit auch innerhalb der Kunst weiter begrenzt wurde. Das Buch über die wissenschaftliche Fundierung des hermeneutischen Prinzips als Wissenschaft als Terrainverlust gegenüber dem diskursiven Modell ist noch nicht geschrieben.

[5] Heidegger, Martin 1935, 1956, 1960, 1982…ff. Der Ursprung des Kunstwerkes; Vgl. etwa d. Begriff der Lichtung und die Auffassung von Schaffen, Verbergen, verstellen und Ins- Werk-setzen der Wahrheit.

[6] Han, Byul Chul, Abwesen, Berlin, Merve 2007.

[7] Sloterdijk, Peter, Sphären II (Globen) Ffm. 1998 – 2004 Bd. 2; S. 145/46.

[8] In einem Brief an den Verfasser v. 7. Juli 2013 (im Besitz d. Verf.) heißt es: „Der Inhalt von Atmosphären ist nichtnumerisches Mannigfaltiges. Atmosphären können zwar durch Arrangement…heraufbeschworen werden aber in ihnen gibt es keine Berührungen und daher keine Korrespondenzen. Mit dem Betroffensein von Atmosphären gehen wir in den Bereich zurück, aus dem Einzelheit in Kraft satzförmiger Rede erst geschöpft werden kann. Das ist namentlich die Leistung des Dichters….“

 

1. Transkulturalität 

Zur veränderten Verfasstheit heutiger Kulturen

Von Wolfgang Welsch  

 

Die heutigen Kulturen entsprechen nicht mehr den alten Vorstellungen geschlossener und einheitlicher Nationalkulturen. Sie sind durch eine Vielfalt möglicher Identitäten gekennzeichnet und haben grenzüberschreitende Konturen. Das Konzept der Transkulturalität beschreibt diese Veränderung. Es hebt sich ebenso vom klassischen Konzept der Einzelkulturen wie von den neueren Konzepten der „Interkulturalität“ und „Multikulturalität“ ab.

„Kultur“ als Generalbegriff, der nicht nur einzelne, sondern sämtliche menschlichen Lebensäußerungen umfasst, hat sich erst im späten 17. Jahrhundert herausgebildet. Er wird in diesem Verständnis erstmals 1684 von dem Naturrechtslehrer Samuel von Pufendorf verwendet. Bis zu diesem Zeitpunkt war Kultur ein relativer, sich auf einzelne Tätigkeiten beziehender Ausdruck. Bei Pufendorf wurde „Kultur“ nunmehr zu einem autonomen Begriff, zu einem Kollektivsingular, der in einer kühnen Vereinheitlichung sämtliche Tätigkeiten eines Volkes, einer Gesellschaft oder einer Nation zu umfassen beanspruchte.

Dieser globale Kulturbegriff erhielt dann hundert Jahre später durch Johann Gottfried Herder  insbesondere in dessen von 1784 bis 1791 erschienenen Ideen zur Philosophie derGeschichte der Menschheit  seine für die Folgezeit verbindliche Form. Der Kulturbegriff Herders ist durch drei Momente charakterisiert: durch die ethnische Fundierung, die soziale Homogenisierung und durch die Abgrenzung nach außen.

Die Kultur sollte nach Herder erstens das Leben der jeweiligen Gesellschaft im ganzen wie im einzelnen prägen, sie sollte jede Handlung und jeden Gegenstand zu einem unverwechselbaren Bestandteil gerade dieser Kultur machen. Sie sollte zweitens die Kultur eines bestimmten Volkes sein, das auf dem Weg der Kultur sein spezifisches Wesen zur Entfaltung bringt. Damit war drittens eine Abgrenzung nach außen verbunden: Jede Kultur soll als Kultur eines bestimmten Volkes von den Kulturen anderer Völker spezifisch unterschieden sein und bleiben.

Diese Annahmen des traditionellen Kulturkonzepts sind heute unhaltbar geworden. Moderne Gesellschaften sind in sich so hochgradig differenziert, daß von einer Einheitlichkeit der Lebensformen nicht mehr die Rede sein kann. Das traditionelle Kulturkonzept ist unfähig, den aktuellen binnenkulturellen Differenzierungen gerecht zu werden, etwa den Unterschieden von regional, sozial und funktional divergierenden Kulturen, von hoher und niedriger, leitender und alternativen Kultur von den Besonderheiten einer wissenschaftlichen, technischen, künstlerischen oder religiösen Kultur ganz zu schweigen. Es kommt künftig darauf an, die Kulturen jenseits des Gegensatzes von Eigenkultur und Fremdkultur zu denken.

Aber auch die ethnische Fundierung der Kulturen ist äußerst problematisch: Herder etwa beschreibt Kulturen als Kugeln oder autonome Inseln, die jeweils dem territorialen Bereich und der sprachlichen Extension eines Volkes entsprechen sollten. Wie wir aber nicht nur aus der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts wissen, sind solche völkischen Definitionen hochgradig imaginär und fiktiv. Die Kugelvorstellung und das Reinheitsgebot bereiten politischen Konflikten und Kriegen den Boden wie wir gerade heute zu erkennen Anlass haben, wo die Berufung auf ethnische und kulturelle Identität weltweite Separatismen und Kriege produziert. Angesichts solcher Befunde ist die Verabschiedung des traditionellen Kulturkonzepts mit seinem unheilvollen Doppel von innerem Einheitszwang und äußerer Abschottung auch unter normativen Gesichts- punkten geboten. Es käme künftig darauf an, die Kulturen jenseits des Gegensatzes von Eigenkultur und Fremdkultur zu denken.

 

Interkulturalität

Das Konzept der „Interkulturalität“ macht nicht einmal einen Versuch, die traditionelle Kulturvorstellung zu überwinden, sondern will sie bloß ergänzen, um ihre problematischen Folgen aufzufangen. Es reagiert auf den Umstand, dass die Kugelverfassung der Kulturen notwendig zu interkulturellen Konflikten führt. Kulturen, die wie Inseln oder Kugeln verfasst sind, können sich der Logik ihres Begriffs gemäß eben nur voneinander absetzen, sich gegenseitig verkennen, ignorieren, diffamieren oder bekämpfen  nicht hingegen sich verständigen und austauschen. Die Misere des Konzepts der Interkulturalität rührt daher, dass es die Prämisse des traditionellen Kulturbegriffs unverändert mit sich fortschleppt.

Das hatte Herder konsequent zum Ausdruck gebracht, als er sagte, dass solche Kugeln einander nur „stoßen“ könnten und dass ihr Vorurteil gegenüber anderen Kulturen eine Bedingung ihres Glückes sei. Das Konzept der Interkulturalität sucht nun nach Wegen, wie die Kulturen sich gleichwohl miteinander vertragen, wie sie miteinander kommunizieren, einander verstehen oder anerkennen können. Hier hat die Suche nach interkulturellen Konstanten ein unerschöpfliches (weil ergebnisloses) Betätigungsfeld.

Die Misere des Konzepts der Interkulturalität rührt daher, dass es die Prämisse des traditionellen Kulturbegriffs unverändert mit sich fortschleppt. Es geht noch immer von einer insel- bzw. kugelartigen Verfassung der Kulturen aus. Eben deswegen vermag es zu keiner Problemlösung zu gelangen, denn die interkulturellen Probleme entspringen der Insel- bzw. Kugelthese der Kulturen. Das klassische Kulturkonzept schafft durch seinen Primärzug  den separatistischen Charakter der Kulturen  das Sekundärproblem der strukturellen Kommunikationsunfähigkeit und schwierigen Koexistenz dieser Kulturen. Daher sind die Empfehlungen zur Interkulturalität zwar gut gemeint, aber ergebnislos. Das Konzept versäumt es, die Wurzel des Problems anzugehen. Es ist nicht radikal genug, sondern bloß kosmetisch.

 

Multikulturalität

Ähnliches gilt vom Konzept der Multikulturalität. Es greift die Probleme des Zusammenlebens verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft auf, widmet sich also strukturell der gleichen Frage wie das Konzept der Interkulturalität. Dabei bleibt aber auch dieses Konzept im Status des traditionellen Kulturverständnisses. Es geht von der Existenz klar unterschiedener, in sich homogener Kulturen aus nur jetzt innerhalb ein und derselben staatlichen Gemeinschaft. Das Multikulturalitätskonzept sucht dann nach Chancen der Toleranz, Verständigung, Akzeptanz und Konflikvermeidung oder Konflikttherapie. Das ist ebenso löblich wie die Bemühungen um Interkulturalität,aber ebenso ineffizient, denn vom alten Kulturverständnis aus läßt sich allenfalls ein Stillhalten auf Zeit erreichen, nicht aber eine wirkliche Verständigung zwischen den kulturell heterogenen Gruppen oder eine Überschreitung der separierenden Schranken konzipieren.“Die Kulturen haben de facto nicht mehr die unterstellte Form der Homogenität und Separiertheit. “ Das Multikulturalitätskonzept hat jedoch die Hinnahme solcher Schranken geradezu zur Basis. Daher kann es auch zur Rechtfertigung und verstärkten Berufung auf solche Schranken dienen. Das Konzept ist zwar gegenüber konservativen Forderungen nach gesellschaftlicher Homogenität progressiv, in seinem Kulturverständnis, aber ist es traditionell und droht, regressiven Tendenzen Vorschub zu leisten. Sie führen unter Berufung auf kulturelle Identität zu Gettoisierung und Kulturfundamentalismus und sind vor dem Übergang in den politischen Fundamentalismus nicht gefeit.

Die Kritik am traditionellen Konzept der Einzelkulturen sowie an den neueren Konzepten der Interkulturalität und der Multikulturalität läßt sich folgendermaßen resümieren: Wenn die Kulturen tatsächlich noch immer, wie diese Konzepte unterstellen, inselartig und kugelhaft verfasst wären, dann könnte man das Problem ihrer Koexistenz und Kooperation weder loswerden noch lösen. Nur ist die Beschreibung der Kulturen als Kugeln bzw. Inseln heute unzutreffend und normativ irreführend. Die „Kulturen“ der Welt haben de facto nicht mehr die unterstellte Form der Homogenität und Separiertheit. Dies ist der Ausgangspunkt des Konzepts der Transkulturalität.

 

Transkulturalität

Kulturen sind intern durch eine Pluralisierung möglicher Identitäten gekennzeichnet und weisen extern grenzüberschreitende Konturen auf. Sie haben eine neuartige Form angenommen, die durch die klassischen Kulturgrenzen wie selbstverständlich hindurchgeht. Das Konzept der Transkulturalität benennt diese veränderte Verfassung der Kulturen und versucht daraus die notwendigen konzeptionellen und normativen Konsequenzen zu ziehen.

Der traditionelle Kulturbegriff scheitert heute an der inneren Differenziertheit und Komplexität der modernen Kulturen. Moderne Kulturen sind durch eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensformen und Lebensstile gekennzeichnet. Ferner ist die klassische separatistische Kulturvorstellung durch die äußere Vernetzung der Kulturen überholt. Die Kulturen sind hochgradig miteinander verflochten und durchdringen einander. Die Lebensformen enden nicht mehr an den Grenzen der Nationalkulturen, sondern überschreiten diese und finden sich ebenso in anderen Kulturen. Die neuartigen Verflechtungen sind eine Folge von Migrationsprozessen sowie von weltweiten materiellen und immateriellen Kommunikationssystemen (internationaler Verkehr und Datennetze) und von ökonomischen Interdependenzen. Grundlegende Problemeund Bewußtseinslagen treten heute in den einst für so grundverschieden erachteten Kulturen in gleicher Weise auf, gehen gleichsam quer durch sie hindurch, stellen Determinanten dar  man denke etwa an das Problem des Auseinanderdriftens von naturwissenschaftlicher und literarischer Kultur, an dem heute eine Vielzahl von Kulturen laboriert, oder an das ökologische Bewusstsein, das in jüngster Zeit zu einem mächtigen Wirkfaktor quer durch die Kulturen geworden ist.

Die Austauschprozesse zwischen den Kulturen lassen nicht nur das alte Freund-Feind-Schema als überholt erscheinen, sondern auch die scheinbar stabilen Kategorien von Eigenheit und Fremdheit. Es gibt nicht nur kein strikt Eigenes, sondern auch kein strikt Fremdes mehr. Im Innenverhältnis einer Kultur zwischen ihren diversen Lebensformen  existieren heute tendenziell ebenso viele Fremdheiten wie im Außenverhältnis zu anderen Kulturen. Es gibt zwar noch eine Rhetorik der Einzelkulturen, aber in der Substanz sind sie alle transkulturell bestimmt. An stelle der separierten Einzelkulturen von einst ist eine interdependente Globalkultur entstanden, die sämtliche Nationalkulturen verbindet und bis in Einzelheiten hinein durchdringt.

 

Transkulturalität  historisch

Die Beschreibung der Kulturen im Sinne von Transkulturalität ist im übrigen nicht erst heute, sondern in geschichtlicher Perspektive geboten. Beispielsweise läßt sich deutsche Kultur ohne den Blick auf andere Traditionen  etwa die griechische oder die römische Tradition  gar nicht rekonstruieren. Carl Zuckmayer hat diese historische Transkulturalität in seinem Drama Des Teufels General wundervoll beschrieben: „… stellen Sie sich doch einmal ihre Ahnenreihe vor  seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht, Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet.  Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant  das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt  und  und der Goethe, der kam aus demselben Topf und der Beethoven, und der Gutenberg und der Matthias Grünewald, und ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt  wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.“

 

Der pragmatische Kulturbegriff

Transkulturalität dringt überdies nicht nur auf der Makroebene der Kulturen, sondern ebenso auf der Mikroebene der Individuen vor. Für die meisten unter uns sind, was unsere kulturelle Formation angeht, mehrfache kulturelle Anschlüsse entscheidend. Wir sind kulturelle Mischlinge. Zeitgenössische Schriftsteller betonen häufig, daß sie nicht durch eine einzige Heimat, sondern durch verschiedene Bezugsländer geprägt sind, durch deutsche, französische, italienische, russische, süd- und nordamerikanische Literatur. Ihre kulturelle Formation ist transkulturell, die der nachfolgenden Generationen wird das noch mehr sein.

Für ein transkulturelles Kulturkonzept kann man sich auch gut der Hilfe Ludwig Wittgensteins bedienen. Wittgenstein hat einen pragmatischen Kulturbegriff entwickelt, der  anders als das traditionelle Kulturkonzept  von vornherein von ethnischer Fundierung und Homogenitätsansprüchen frei ist. Wittgenstein zufolge liegt Kultur dort vor, wo eine geteilte Lebenspraxis besteht. Zudem rechnet dieses Kulturkonzept mit mannigfaltigen Verflechtungen, Überschneidungen und Übergängen zwischen den Lebensformen. Daher ist es auch für neue Verbindungen und für Umstrukturierungen offen. Wenn ein Individuum durch unterschiedliche kulturelle Anteile geprägt ist, wird es zur Aufgabe der Identitätsbildung, solche transkulturellen Komponenten miteinander zu verbinden. Nur transkulturelle Übergangsfähigkeit wird auf Dauer noch Identität und so etwas wie Autonomie und Souveränität verbürgen können.

Die Entdeckung und Akzeptanz der transkulturellen Binnenverfassung der Individuen ist eine Bedingung, um mit der gesellschaftlichen Transkulturalität zurechtzukommen. Haß gegenüber Fremdem ist (wie insbesondere von psychoanalytischer Seite mehrfach dargelegt wurde) projizierter Selbsthass. Man lehnt stellvertretend etwas ab, was man in sich selbst trägt, aber nicht zulassen will, was man intern verdrängt und extern bekämpft. Umgekehrt bildet die Anerkennung innerer Fremdheitsanteile eine Voraussetzung für die Akzeptanz äußerer Fremdheit. Wir werden dann, wenn wir anders als das traditionelle Kulturkonzept es uns rät, unsere innere Transkulturalität nicht verleugnen, sondern wahrnehmen, eines anerkennenden und gemeinschaftlichen Umgangs mit äußerer Transkulturalität fähig werden.

 

Für eine Kultur der Integration

Kulturbegriffe sind  wie dies von allen Sachverständigungsbegriffen (beispielsweise Identität, Person, Mensch) gilt  nicht bloß Beschreibungsbegriffe, sondern operative Begriffe. Sie prägen ihren Gegenstand. Sagt man uns, wie es der alte Kulturbegriff tat, daß Kultur einen Homogenitätsanspruch habe, so werden wir die gebotenen Zwänge und Ausschlüsse praktizieren. Wir suchen der gestellten Aufgabe Genüge zu tun  und werden dabei Erfolg haben. Geht man aber von der Vorstellung aus, daß Kultur auch das Fremde einbeziehen und transkulturellen Komponenten gerecht werden müsse, dann gehören entsprechende Integrationsleistungen zur realen Struktur unserer Kultur. In diesem Sinne ist „Realität“ von Kultur immer auch eine Folge unserer Konzepte von Kultur.

Das Konzept der Transkulturalität zielt auf ein vielmaschiges und inklusives, nicht auf ein separatistisches und exklusives Verständnis von Kultur. Es intendiert eine Kultur, deren pragmatische Leistung nicht in Ausgrenzung, sondern in Integration besteht. Stets gibt es im Zusammentreffen mit anderen Lebensformen nicht nur Divergenzen, sondern auch Anschlußmöglichkeiten. Solche Erweiterungen, die auf die gleichzeitige Anerkennung unterschiedlicher Identitätsformen innerhalb einer Gesellschaft zielen, stellen heute eine vordringliche Aufgabe dar.

Man könnte einwenden, das Konzept der Transkulturalität laufe auf die Annahme einer zunehmenden Homogenisierung der Kulturen und auf eine uniforme Weltzivilisation hinaus. Aber bedeutet Transkulturalität tatsächlich Uniformierung? Keineswegs. Nur verändert sich unter den Bedingungen der Transkulturalität der Modus der Vielheit. Vielheit im traditionellen Modus der Einzelkulturen schwindet in der Tat.

In der Epoche der Transkulturalität schwindet die Bedeutung der Nationalstaatlichkeit oder der Muttersprache für die kulturelle Formation. Die Verwechslung von Kultur mit Nation oder die restriktive Bindung der Kultur an eine Muttersprache wird immer weniger möglich. Die neuen kulturellen Formationen überschreiten die alten Festmarken, erzeugen neue Verbindungen. Dies bedeutet auch, daß die Welt im Ganzen statt eines separatistischen eher ein Netzwerk-Design annimmt. Unterschiede verschwinden dadurch zwar nicht, aber die Verständigungsmöglichkeiten nehmen zu. Will man darin einen Nachteil sehen?

Das Konzept der Transkulturalität entwirft ein anderes Bild vom Verhältnis der Kulturen. Nicht eines der Isolierung und des Konflikts, sondern eines der Verflechtung, Durchmischung und Gemeinsamkeit. Es befördert nicht Separierung, sondern Verstehen und Interaktion. Gewiss enthält dieses Konzept Zumutungen gegenüber lieb gewonnenen Gewohnheiten  wie die heutige Wirklichkeit überhaupt. Im Vergleich zu anderen Konzepten skizziert es aber den am ehesten gangbaren Weg.

(Der Beitrag wurde mit persönlicher Genehmigung des Autors übernommen aus: Migration und Kultureller Wandel, Schwerpunktthema der Zeitschrift für Kulturaustausch, Nr. 45. (1. Vj.) Stuttgart 1999.